Fast alle Beiträge dieser Kampagne handeln von Gewalt, die von außen kommt. Ein aggressiver Patient in der Notaufnahme, ein wütender Angehöriger am Tresen, jemand unter Alkoholeinfluss im Rettungswagen. Das ist die Erzählung, die auch in der Öffentlichkeit angekommen ist.
Bei Auszubildenden in der Pflege stimmt sie nicht.
Was die Zahlen zeigen
Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege hat die Forschungslage zu Gewaltprävention für Pflegeauszubildende und Studierende in einer Literaturstudie zusammengefasst. Grundlage ist eine systematische Recherche in den Datenbanken PsycInfo, PubMed und CINAHL, ausgewertet wurden 15 ältere und 6 aktuelle Studien ab 2019.
Die Häufigkeiten nach Gewaltform:
| Gewaltform | Anteil der Auszubildenden |
|---|---|
| Verbale Gewalt | 66,1 % |
| Mobbing | 61,5 % |
| Sexualisierte Gewalt und Belästigung | 21,3 % |
| Physische Gewalt | 17,3 % |
| Bedrohungen | 10,9 % |
Zwei Drittel erleben verbale Gewalt. Über 60 Prozent erleben Mobbing. Und jede fünfte Person macht in der Ausbildung Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt oder Belästigung.
Der Befund, der die Erzählung umdreht
Interessanter als die Häufigkeit ist die Frage, von wem die Gewalt ausgeht. Die Literaturstudie führt die Verursachergruppen in dieser Reihenfolge auf:
| Gruppe | Anteil |
|---|---|
| Pflegekräfte | 24,2 % |
| Patientinnen und Patienten | 22,8 % |
| Lehrpersonal | 16,3 % |
| Andere Auszubildende und Studierende | 13,2 % |
| Praxisanleitende und Mentorinnen und Mentoren | 12,6 % |
| Medizinisches Hilfspersonal | 9,9 % |
| Angehörige | 9,4 % |
| Ärztinnen und Ärzte | 8,5 % |
| Pflegedienstleitungen | 7,5 % |
An erster Stelle stehen nicht die Patienten. An erster Stelle stehen die Kolleginnen und Kollegen. Und wer die Liste weiterliest, findet auf den Plätzen drei, vier und fünf ebenfalls Menschen aus dem eigenen Haus: Lehrkräfte, Mitauszubildende, Praxisanleitende.
Ein methodischer Hinweis gehört dazu. Diese Werte stammen aus einer Übersichtsarbeit über mehrere Studien, und ob Mehrfachnennungen möglich waren, ist der Darstellung nicht zu entnehmen. Die Prozentwerte lassen sich deshalb nicht seriös zu einer Gesamtsumme addieren. Was sich sagen lässt, ist die Rangfolge. Und die ist eindeutig.
Warum ausgerechnet Auszubildende
Auszubildende und Studierende gelten in der Forschung aus drei Gründen als besonders gefährdet: junges Alter, fehlende Berufserfahrung und ein Abhängigkeitsverhältnis, das jede Beschwerde teuer macht.
Der dritte Punkt wiegt am schwersten. Wer eine Praxisanleiterin anzeigt, die in vier Wochen die Beurteilung schreibt, riskiert die Ausbildung. Wer sich über eine Lehrkraft beschwert, sitzt im nächsten Semester wieder in deren Unterricht. Dieselbe Mechanik beschreiben wir für andere Gruppen unter Mobbing im Pflegeteam und Machtmissbrauch in Kliniken. In der Ausbildung wirkt sie am stärksten, weil die Abhängigkeit total ist und zeitlich befristet. Aussitzen erscheint immer als die günstigere Option.
Aus der Hebammenausbildung kennen wir dasselbe Muster, dort verstärkt durch eine ausgeprägte Hierarchie in der Ausbildung.
Das Seminarangebot und seine Lücke
Die BGW bietet ein dreitägiges Seminar zur Prävention von Gewalt und Belästigung in der Pflegeausbildung an. Zielgruppe sind laut Ausschreibung “Praxisanleitende und Lehrkräfte für Auszubildende der Pflege, der Hebammenkunde, der Anästhesie- und Operationstechnischen Assistenz, der medizinischen Technologie sowie für die Ausbildung zum Notfallsanitäter und zur Notfallsanitäterin”. Vermittelt werden Ursachen und Risikofaktoren, Deeskalationstechniken, Fürsorgegespräche und die Einbindung des Themas in Unterricht und Praxisanleitung. Termine gibt es 2027 in Hamburg und Dresden.
Das Angebot ist richtig. Praxisanleitende sind die zentralen Bezugspersonen der Ausbildung, sie sehen die Vorfälle als Erste, und sie können ein Klima setzen.
Trotzdem bleibt eine Lücke, und sie steht in derselben Statistik. Lehrpersonal wird bei 16,3 Prozent der Nennungen als Verursacher genannt, Praxisanleitende bei 12,6 Prozent. Ein Seminar, das dieser Gruppe beibringt, wie sie Auszubildende vor Patienten schützt, greift zu kurz, solange es nicht auch die Frage stellt, was die eigene Rolle beiträgt.
Das ist kein Vorwurf an die Berufsgruppe. Es ist der Unterschied zwischen einem Schutzkonzept und einem Kommunikationstraining. Wie ein Konzept aussieht, das mehrere Ebenen erfasst, zeigt unser Beitrag zum wirksamen Schulungsdesign.
Was Einrichtungen konkret tun können
Aus den Zahlen folgen drei Dinge, die keine Gesetzesänderung brauchen:
Erstens: Die Beurteilung von der Beschwerde trennen. Solange dieselbe Person bewertet und Ansprechpartner bei Übergriffen ist, wird nicht gemeldet. Eine Ansprechstelle außerhalb der Beurteilungskette ist der wirksamste Einzelschritt.
Zweitens: Vorfälle unter Beschäftigten genauso dokumentieren wie Vorfälle mit Patienten. In vielen Meldesystemen gibt es für den Übergriff durch eine Kollegin schlicht kein Feld. Was nicht erfasst wird, existiert in keiner Auswertung. Wie sich das ändern lässt, beschreibt der Beitrag zur Meldekultur.
Drittens: Die erste Woche nutzen. Wer zu Ausbildungsbeginn benennt, was nicht in Ordnung ist, und wohin man sich wendet, verschiebt die Schwelle für alles, was danach kommt.
Häufige Fragen
Sind Auszubildende häufiger von Gewalt betroffen als examinierte Kräfte?
Die Literaturstudie weist Auszubildende und Studierende wegen ihres Alters, ihrer geringen Berufserfahrung und der Abhängigkeit in der Ausbildung als besonders gefährdete Gruppe aus. Ein direkter Vergleich der Häufigkeiten mit examinierten Kräften ist aus den Zahlen nicht ableitbar, weil die Erhebungen unterschiedliche Zeiträume und Definitionen verwenden.
Zählt Mobbing durch Kolleginnen und Kollegen als Arbeitsunfall?
Ein einzelner tätlicher Übergriff kann als Arbeitsunfall gemeldet werden. Länger andauerndes Mobbing erfüllt die Voraussetzungen in der Regel nicht, weil es am zeitlich begrenzten Ereignis fehlt. Die Abgrenzung beschreiben wir unter Übergriff als Arbeitsunfall.
An wen können sich Auszubildende wenden, wenn die Praxisanleitung das Problem ist?
Möglich sind die Pflegedienstleitung, die Ausbildungsleitung der Schule, die Jugend- und Auszubildendenvertretung, der Betriebs- oder Personalrat und die Berufsgenossenschaft. Welcher Weg trägt, hängt davon ab, wer außerhalb der Beurteilungskette steht. Eine Übersicht bietet der Beitrag zu den Unterstützungsnetzwerken.