Machtmissbrauch in Kliniken ist selten laut. Häufiger zeigt er sich in einer Bemerkung im Vorbeigehen, in einem festen Griff bei der Lagerung, in einer Tür, die ohne Anklopfen aufgeht. Zwischen Personal und Patientinnen und Patienten besteht ein strukturelles Gefälle: Wissen, Zugang, körperliche Nähe. Wo dieses Gefälle nicht reflektiert wird, kippt Fürsorge in Übergriff. Dieser Beitrag ordnet ein, wie das geschieht, wo die Ursachen liegen und was Häuser tun können.
Was in der Klinik als Übergriff zählt
Übergriff beginnt vor der körperlichen Ebene. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der klinischen Ethikkomitees und die BGW zählen unter anderem folgende Formen zum Kontinuum von Grenzverletzungen im Krankenhaus:
- verbale Herabsetzung (Duzen ohne Einverständnis, spöttische Kommentare zum Körper, ethnisierende Bemerkungen)
- Missachtung der Intimsphäre (unangekündigtes Betreten, ungeschütztes Entkleiden, Untersuchungen ohne Erklärung)
- körperliche Übergriffe (unnötig festes Fixieren, ruppige Lagerung, nicht indizierte Berührungen)
- struktureller Zwang (Medikation, Fixierung oder Isolierung ohne dokumentierte Indikation und Einwilligung)
- Aushebeln der Selbstbestimmung (Aufklärung, die auf Zustimmung drängt statt informiert)
Wichtig ist die Perspektive der Betroffenen: Was Personal als Routine erlebt, kann für eine Patientin oder einen Patienten eine Grenzverletzung sein. Übergriff ist keine Frage der Absicht, sondern der Wirkung.
Gleichzeitig gilt: Auch Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleben Übergriffe, von Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, Patientinnen und Patienten und Angehörigen. Die Kampagne #GesundheitOhneGewalt betrachtet beide Richtungen, weil sie in denselben Strukturen wurzeln.
Wie oft es passiert, und warum die Zahlen unscharf sind
Belastbare bundesweite Statistiken zu Übergriffen des Personals gegenüber Patientinnen und Patienten existieren kaum. Der Grund ist banal und alarmierend zugleich: Es gibt kein einheitliches Meldesystem. Vorfälle tauchen in CIRS-Meldungen auf, in Beschwerdestellen, in Ethikkonsilen, in Aufsichtsbeschwerden, oder gar nicht.
Sichtbarer ist die Gegenrichtung. Die BGW und die DGUV dokumentieren seit Jahren, dass Beschäftigte in Kliniken überdurchschnittlich häufig Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Angriffe erleben, vor allem in Notaufnahmen, Psychiatrien und Geriatrien. Diese Belastung ist relevant für unser Thema: Wo Personal chronisch angespannt arbeitet, sinkt die Schwelle für eigene Grenzverletzungen. Beide Zahlen gehören zusammen gelesen.
Für ein realistisches Bild spielen zusätzlich qualitative Quellen eine Rolle: Berichte des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung, Analysen im Deutschen Ärzteblatt, Erfahrungen der Patientenfürsprecherinnen und Patientenfürsprecher und Landespsychiatriebeauftragten. Sie zeichnen ein Bild, das die Statistik nicht liefert: Übergriffe sind kein Randphänomen, aber auch nicht die Regel. Sie konzentrieren sich in Situationen mit hoher Dichte, wenig Zeit und wenig Aufsicht.
Warum aus Fürsorge Übergriff wird
Übergriffe von Personal sind selten Ausdruck individueller Bosheit. Häufiger sind sie das Ergebnis einer Kette: Zeitdruck, Personalmangel, ungelöste Konflikte im Team, Sprachbarrieren, unklare Zuständigkeiten und eine Kultur, in der Anweisen einfacher ist als Erklären. Dazu kommen persönliche Faktoren: Erschöpfung, sekundäre Traumatisierung, moralische Verletzungen durch Entscheidungen, die man selbst nicht mittragen kann.
Vier Muster tauchen in Fallanalysen immer wieder auf:
- Routine schluckt Zustimmung. Handgriffe, die zehntausendfach gemacht wurden, werden nicht mehr angekündigt. Die Einwilligung verschwindet in der Wiederholung.
- Gruppendynamik überschreibt Individualverantwortung. In eingespielten Teams gilt es als illoyal, eine Kollegin oder einen Kollegen zu bremsen. Wer wegsieht, schützt keine Patientinnen und Patienten.
- Hierarchie verhindert Korrektur. Assistenzärztinnen und Assistenzärzte, Auszubildende und neue Pflegekräfte sehen Übergriffe, sagen aber nichts, weil sie fürchten, im Team zu verlieren.
- Sprache normalisiert. Wenn Patientinnen und Patienten im Dienstzimmer über Körper, Geruch oder Herkunft verhandelt werden, sinkt die Hemmschwelle für den nächsten Schritt am Bett.
Übergriffe entstehen selten aus Absicht. Sie entstehen dort, wo Institutionen aufhören, die eigene Wirkung zu hinterfragen.
Was Häuser strukturell verändern können
Prävention ist kein Kommunikationstraining, sondern eine Führungsaufgabe. Wirksam sind Maßnahmen, die den Alltag verändern, nicht nur das Leitbild.
- Niedrigschwellige Meldewege, die anonym funktionieren und deren Auswertung sichtbar in Team- und Leitungsrunden zurückläuft.
- Regelmäßige Fallbesprechungen zu Grenzsituationen: Fixierung, Zwangsmedikation, Untersuchungen bei nicht einwilligungsfähigen Patientinnen und Patienten. Nicht als Kontrolle, sondern als geteilte Verantwortung.
- Deeskalationskonzepte, die BGW-empfohlen sind, mit realen Übungen statt Foliensätzen. Beschäftigte, die sich sicher fühlen, greifen seltener zu Zwang.
- Ethikkonsile mit niedriger Schwelle, die auch das Personal in Anspruch nehmen kann, bevor eine Entscheidung im Streit fällt.
- Klare Rückendeckung für diejenigen, die Übergriffe ansprechen. Ohne Schutz vor sozialen Sanktionen bleibt jede Meldestruktur Papier.
Auch die Perspektive der Betroffenen braucht Räume: unabhängige Patientenfürsprecherinnen und Patientenfürsprecher, verständliche Beschwerdewege, dokumentierte Rückmeldungen. Ein Haus, das Beschwerden ernst nimmt, verliert kein Vertrauen, es baut es auf.
Was Übergriffe vom Konflikt unterscheidet
Nicht jede unangenehme Situation ist ein Übergriff. Ein deutliches Nein, ein bestimmtes Eingreifen bei Selbst- oder Fremdgefährdung, eine unbequeme Aufklärung, all das kann professionell notwendig sein. Der Unterschied liegt in drei Fragen: War die Handlung indiziert und dokumentiert? Wurde sie erklärt und, wo möglich, konsentiert? Wurde die Würde der Person auch in der schwierigen Situation gewahrt?
Wo diese drei Fragen mit Ja beantwortet werden können, entsteht Vertrauen, auch nach unangenehmen Momenten. Wo sie nicht beantwortet werden können, entsteht Verletzung, oft dauerhaft.
Warum das Thema in die Öffentlichkeit gehört
Machtmissbrauch in Kliniken ist kein Skandal einzelner Häuser, sondern eine Frage der Struktur, in der Medizin und Pflege heute stattfinden. Solange Fallzahlen steigen, Personal fehlt und Aufsicht schwach organisiert ist, werden Übergriffe nicht aus Charakter passieren, sondern aus Bedingungen. Diese Bedingungen sind veränderbar, politisch, betrieblich, kulturell.
Die Kampagne #GesundheitOhneGewalt sammelt dafür Perspektiven aus Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Praxen und Ausbildung. Nicht, um Schuldige zu benennen, sondern um die Muster sichtbar zu machen, in denen Fürsorge kippt. Nur was benannt wird, kann bearbeitet werden.