Am 15. Mai 2026, dem letzten Tag des 130. Deutschen Ärztetags in Hannover, traten fünf Delegierte der Bundesvertretung der Medizinstudierenden ans Mikrofon. Sie berichteten nicht von Zuständen in irgendeiner Klinik. Sie berichteten von den drei Tagen, die gerade zu Ende gingen.

Ihre Worte laut Deutschem Ärzteblatt: “Kommentare über unser hübsches Auftreten sind unangebracht. Kommentare über unsere Ausschnitte sind unangebracht. Hände auf Rücken und Gesäßen sind unangebracht.”

Dazu kamen Einladungen auf Hotelzimmer, berufspolitische Gespräche, die nur mit den männlichen Kollegen geführt wurden, unangemessene private Einladungen und der Hinweis eines Delegierten, er würde sie gerne mit nach Hause nehmen.

Der Widerspruch, um den es geht

Der 130. Deutsche Ärztetag hat in denselben Tagen zwei Beschlüsse gegen Machtmissbrauch gefasst. Beide sind im amtlichen Beschlussprotokoll nachlesbar, Ic-95 auf Seite 242, Ic-96 auf Seite 246.

Der eine, Drucksache Ic-95, fordert die Bundesärztekammer auf, gemeinsam mit den Landesärztekammern verbindliche Maßnahmen zur Prävention, Erkennung und Sanktionierung von Machtmissbrauch zu entwickeln. Er benennt ausdrücklich die strukturelle Abhängigkeit in der Weiterbildung als Ursache und fordert unabhängige Anlaufstellen außerhalb der Universitätskliniken.

Der andere, Drucksache Ic-96, macht das Thema “Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung” zum Kernthema des 131. Deutschen Ärztetages 2027. Angenommen mit 179 Ja-Stimmen bei 10 Gegenstimmen und 21 Enthaltungen.

Das Parlament der deutschen Ärzteschaft beschloss also mit großer Mehrheit, gegen sexualisierte Gewalt vorzugehen, während in den Gängen derselben Veranstaltung genau das stattfand, wogegen man vorgehen wollte.

Was danach passierte

Die Reaktionen im Saal waren deutlich. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, nannte das Verhalten “zutiefst verstörend” und sagte Aufklärung zu. Susanne Johna vom Marburger Bund bezeichnete Machtmissbrauch als “tonnenschwer mitten auf unserem Weg”. Sven Dreyer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, übergab sein Rederecht an die Studentinnen. Mehrere Delegierte änderten spontan ihre vorbereiteten Beiträge.

An diesem Detail lohnt es sich hängen zu bleiben. Damit fünf Delegierte über Übergriffe sprechen konnten, musste ein Kammerpräsident ihnen seine Redezeit schenken. Das beschreibt die Ausgangslage genauer als jede Erhebung: Es fehlte nicht am Wissen, es fehlte am Zugang zum Mikrofon.

Die Zahlen hinter dem Vorfall

Der Vorgang ist kein Ausrutscher einer Veranstaltung. Zwei Erhebungen aus dem Frühjahr 2026 zeigen, wovon er ein Ausschnitt ist.

Die #MEDtoo-Studie, veröffentlicht am 5. Mai 2026 in BMC Medical Education von Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard, befragte anonym 5.681 Studierende an 44 medizinischen Fakultäten:

BefundWert
Mindestens einmal sexuelle Belästigung im Studium42 %
Im Praktischen Jahr insgesamt66 %
Studentinnen im Praktischen Jahr73,5 %
Männliche Studierende im Praktischen Jahr29,3 %
Gemeldete Vorfälle12,7 %

Drei von vier Studentinnen im Praktischen Jahr. Die größte Verursachergruppe in der Klinik sind mit 94 Prozent Patientinnen und Patienten, danach folgt das ärztliche Personal. Die Studie stellt außerdem fest, dass es sich nicht um ein regionales Problem handelt, sondern alle Standorte betrifft.

Die Umfrage des Marburger Bundes aus Februar und März 2026 unter 9.073 angestellten Ärztinnen und Ärzten, davon 90 Prozent im Krankenhaus und 69 Prozent weiblich:

  • 49 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt.
  • Von diesen Betroffenen berichten 51 Prozent von mehrfachen Vorfällen.
  • 13 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten selbst sexuelle Belästigung erfahren.

Am häufigsten genannt werden sexualisierte Kommentare, abwertende Sprüche und unerwünschte Gespräche sexuellen Inhalts, seltener körperliche Nähe.

Die Zahl, die alles andere erklärt

Von allen Werten ist einer entscheidend: 12,7 Prozent Meldequote. Fast neun von zehn Vorfällen tauchen in keiner Statistik auf, in keiner Personalakte, in keinem Qualitätsbericht.

Das ist keine Nachlässigkeit der Betroffenen. Es ist die rationale Reaktion auf ein Abhängigkeitsverhältnis. Wer im Praktischen Jahr eine Oberärztin meldet, braucht deren Unterschrift und Beurteilung. Genau diese Mechanik benennt der Beschluss Ic-95 selbst, wenn er befristete Beschäftigungsverhältnisse als mögliches Druckmittel bezeichnet.

Warum Zahlen aus dem Gesundheitswesen systematisch zu niedrig sind, haben wir unter Dunkelziffer beschrieben. Die 12,7 Prozent sind der bislang klarste Beleg dafür, und er stammt aus dem Berufsstand selbst.

Warum das hierhin gehört

Diese Kampagne behandelt üblicherweise Gewalt, die von außen auf Beschäftigte trifft. Der Ärztetag ist ein anderer Fall. Hier kommt die Gewalt aus der Mitte des Berufsstands, bei einer Veranstaltung, deren Delegierte Kammerfunktionen ausüben und über Berufsordnungen abstimmen.

Wer Übergriffe von Patienten zu Recht anprangert und sie im eigenen Haus als Kavaliersdelikt behandelt, verliert den Boden für das erste Anliegen. Es ist dieselbe Frage, die sich bei Machtmissbrauch in Kliniken, bei Mobbing im Pflegeteam und in der Pflegeausbildung stellt.

Unsere Haltung

Ein Kernthema für 2027 zu beschließen, ist die zulässige Reaktion eines Gremiums. Sie ist trotzdem zu langsam. Zwischen dem Mai 2026 und dem nächsten Ärztetag liegt ein volles Jahr, in dem sich für jede Studentin im Praktischen Jahr nichts ändert.

Was sofort ginge, steht in Ic-95 bereits drin und braucht keinen weiteren Ärztetag: eine Anlaufstelle außerhalb der Beurteilungskette. Solange dieselbe Person die Beschwerde entgegennimmt, die das Zeugnis schreibt, bleibt die Meldequote bei 12,7 Prozent. Der Rest ist Ankündigung.

Und der Maßstab für 2027 ist einfach. Er lautet nicht, ob es ein gutes Kernthema wird. Er lautet, ob auf diesem Ärztetag noch einmal jemand seine Redezeit verschenken muss, damit über Begrapschen gesprochen werden kann.

Häufige Fragen

Was ist die #MEDtoo-Studie?

Eine anonyme Querschnittsbefragung von 5.681 Medizinstudierenden an 44 deutschen Fakultäten zu Erfahrungen mit sexueller Belästigung im Studium, veröffentlicht am 5. Mai 2026 in der Fachzeitschrift BMC Medical Education. Autorinnen und Autor sind Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard.

Hatte der Vorgang auf dem Ärztetag Konsequenzen für die Beteiligten?

Der Präsident der Bundesärztekammer sagte Aufklärung zu und kündigte Schutzkonzepte und Compliance-Regeln an. Ob es zu Verfahren gegen einzelne Delegierte kam, ist öffentlich nicht dokumentiert. Wir tragen es nach, sobald belastbare Informationen vorliegen.

Wo können sich Betroffene im Studium melden?

Zuständig sind die Gleichstellungs- und Beschwerdestellen der Fakultät, die Fachschaft, die Ärztekammern mit ihren Anlaufstellen und die Bundesvertretung der Medizinstudierenden. Entscheidend ist, eine Stelle zu wählen, die nicht an der eigenen Bewertung beteiligt ist.

Quellen und Einordnung

Alle Zahlen dieses Beitrags stammen aus den hier verlinkten Primärquellen. Die Abstimmungsergebnisse zu Ic-95 und Ic-96 sind dem amtlichen Beschlussprotokoll entnommen. Stand der Prüfung: 5. September 2026.