„Ihr werdet gebrochen werden.” Diesen Satz, berichtet eine Hebamme im NDR-Format deep und deutlich, bekam sie gleich zu Beginn ihrer Ausbildung zu hören. Er beschreibt in vier Worten, wie Gewalt im Gesundheitswesen entsteht und weitergegeben wird: nicht durch böse Absicht Einzelner, sondern durch ein System, das junge Menschen in Strukturen presst, in denen sie mitmachen, wegsehen oder gehen können.
Wenn Auszubildende zu Beteiligten werden
Die Schilderungen aus der Geburtshilfe folgen einem Muster. Auszubildende erleben verbale und körperliche Übergriffe auf Gebärende: Untersuchungen gegen ein klares Nein, Medikamente ohne Aufklärung, Anschreien in der verletzlichsten Situation des Lebens. Und sie erleben, dass Widerspruch Konsequenzen hat. Wer als Schülerin eine Anweisung verweigert, riskiert Schikane für den Rest der Ausbildung.
So entsteht eine doppelte Verletzung: Die Frau auf dem Kreißbett erlebt Gewalt, und die junge Fachkraft, die gegen ihr Gewissen weitermachen muss, trägt selbst einen Schaden davon. Hebammen, die solche Situationen öffentlich gemacht haben, sprechen von Schuldgefühlen, die sie über Jahre begleiten. Manche brechen die Ausbildung ab, nicht aus mangelnder Eignung, sondern um sich selbst nicht zu verlieren. In einem Berufsfeld mit dramatischem Nachwuchsmangel ist jeder dieser Abbrüche auch ein Verlust für die Versorgung.
Das Schweigen hat Systemgründe
Wer den Mund aufmacht, zahlt einen Preis. Eine erfahrene Hebamme, die Missstände in der Geburtshilfe öffentlich benannte, wurde nach eigener Schilderung in einer WDR-Dokumentation angefeindet, gemieden und beruflich behindert. Auch Auszubildende ziehen kritische Aussagen zurück, sobald berufliche Konsequenzen drohen. Das ist kein Charakterfehler der Beteiligten, sondern das erwartbare Ergebnis steiler Hierarchien in einem überlasteten Betrieb: Wo Personal fehlt, ist jede Kollegin unverzichtbar, und wer den Betriebsfrieden stört, gilt schnell als Problem.
Unsere Einordnung: das System ist die Ursache
Diese Kampagne stellt keine Berufsgruppe an den Pranger. Die allermeisten Hebammen, Ärztinnen und Ärzte arbeiten unter enormem Druck und wollen gute Geburtshilfe leisten. Schuld an übergriffigen Routinen sind nicht die Menschen, die sie unter Zeitnot ausführen, und erst recht nicht die Frauen, die sie erleiden. Die Hauptursache ist ein unterfinanziertes System: zu wenige Hebammen pro Geburt, Vergütungsstrukturen, die Schnelligkeit belohnen, und eine Ausbildung, die unter Druck alte Muster weiterreicht statt sie zu hinterfragen.
Daraus folgt auch die Lösung. Es braucht:
- Betreuungsschlüssel, die Aufklärung möglich machen: Eine Hebamme, die bei einer Frau bleiben kann, muss nicht drängen.
- Ausbildung mit Schutzräumen: Auszubildende brauchen ein verbrieftes Recht, Maßnahmen abzulehnen und Vorfälle zu melden, ohne Nachteile zu fürchten.
- Meldekultur statt Schweigekultur: Kliniken, die Beinahe-Übergriffe systematisch auswerten, verhindern die nächsten. Wie das gelingen kann, zeigt unser Beitrag zu den Ursachen von Aggression im Gesundheitswesen.
- Faire Bezahlung und verlässliche Dienste: Sie sind kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass Menschen in diesem Beruf bleiben und ihn menschlich ausüben können.
Beide Seiten derselben Medaille
Dass Beschäftigte unter dem System leiden und Patientinnen unter Übergriffen, ist kein Widerspruch, sondern derselbe Befund aus zwei Blickwinkeln. Wer die Arbeitsbedingungen im Kreißsaal verbessert, schützt die Frauen, die dort gebären, und umgekehrt. Was Betroffene nach einer traumatischen Geburt tun können, beschreibt unser Beitrag über Gewalt unter der Geburt. Beschäftigte, die Übergriffe oder Missstände erlebt haben, finden Anlaufstellen auf unserer Ressourcenseite.
„Ihr werdet gebrochen werden” darf kein Ausbildungsversprechen sein. Ein Gesundheitssystem, das seine Nachwuchskräfte bricht, kann die Menschen nicht schützen, die sich ihm anvertrauen.