Freitagnacht, drei Uhr, Wartebereich voll: Ein stark alkoholisierter Mann schreit, eine Patientin im Entzug zittert, ein älterer Herr mit Delir reißt sich den Zugang aus dem Arm. Notaufnahmen sind der Ort, an dem Intoxikation, Entzug und akute Verwirrtheit auf Zeitdruck, Personalmangel und volle Flure treffen. Genau in dieser Mischung entstehen die meisten Gewaltsituationen im Krankenhaus, und genau deshalb lohnt es sich, sie nüchtern zu betrachten.
Warum gerade die Notaufnahme?
Kaum ein anderer Arbeitsplatz im Gesundheitswesen bündelt so viele Risikofaktoren auf so engem Raum. In Befragungen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und in Erhebungen aus Kliniken berichten Beschäftigte in Notaufnahmen besonders häufig von verbalen und körperlichen Übergriffen. Das ist kein Zufall, sondern Struktur: Menschen kommen ungeplant, in Ausnahmesituationen, oft mit Schmerzen oder Angst, und niemand wurde vorher gefragt, ob er kooperieren möchte.
Dazu kommt der Faktor Zeit. Lange Wartezeiten, unklare Abläufe und die Triage, die medizinisch Dringendes vorzieht, werden von Wartenden schnell als Willkür erlebt. Wer alkoholisiert ist oder unter Drogeneinfluss steht, kann diese Logik noch schlechter nachvollziehen. Die Schwelle zur Eskalation sinkt, nicht, weil Menschen böse wären, sondern weil Kontrolle, Geduld und Impulssteuerung genau die Fähigkeiten sind, die Substanzen und akute Erkrankungen zuerst ausschalten.
Wichtig ist die Unterscheidung, die in der Forschung zu Gewalt im Gesundheitswesen immer wieder betont wird: Der größte Teil der Übergriffe geht nicht von kalkulierenden Tätern aus, sondern von Menschen in Ausnahmezuständen. Das entschuldigt nichts. Aber es verändert, welche Antworten sinnvoll sind.
Alkohol und Drogen: Enthemmung ist keine Absicht, und trotzdem eine Gefahr
Alkohol ist in deutschen Notaufnahmen der mit Abstand häufigste Begleiter von Aggression. Er senkt die Hemmschwelle, verengt die Wahrnehmung und lässt neutrale Situationen bedrohlich erscheinen. Ein Pfleger, der den Weg versperrt, weil er ein Bett rangiert, wird zum Angreifer. Eine Ärztin, die eine Frage wiederholt, wird zur Provokation. Bei Stimulanzien wie Amphetaminen oder synthetischen Drogen kommen Unruhe, Paranoia und eine kaum einschätzbare Schmerztoleranz hinzu.
Für die Beschäftigten bedeutet das eine doppelte Belastung. Sie müssen medizinisch handeln, eine Intoxikation kann lebensbedrohlich sein, und gleichzeitig ihre eigene Sicherheit im Blick behalten. Viele Pflegekräfte beschreiben genau dieses Dilemma: Man kann einen enthemmten Patienten nicht einfach abweisen, denn er ist Patient. Man kann ihn aber auch nicht gefahrlos versorgen, wenn er schlägt, spuckt oder droht.
Enthemmung ist keine Entschuldigung. Aber sie ist eine Erklärung, und Erklärungen sind der Rohstoff für Prävention.
Der Gegner in diesen Nächten ist nicht “der Betrunkene”. Der Gegner ist die Enthemmung selbst, und ein System, das Teams oft allein lässt: ohne ausreichend Personal, ohne Rückzugsräume, ohne verlässliche Deeskalationsschulung, ohne klare Absprachen mit Polizei und Sicherheitsdienst.
Delir: Wenn Aggression ein Symptom ist
Das Delir wird in dieser Debatte häufig übersehen, obwohl es medizinisch die vielleicht wichtigste Kategorie ist. Ein Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand, ausgelöst etwa durch Infektionen, Entzug, Operationen, Medikamente oder Flüssigkeitsmangel, besonders häufig bei alten Menschen. Betroffene wissen oft nicht, wo sie sind. Sie halten die Infusion für eine Fessel, die Pflegekraft für einen Eindringling. Wer sich wehrt, wehrt sich aus seiner Sicht gegen eine reale Bedrohung.
Das verändert die Bewertung grundlegend: Ein Mensch im Delir schlägt nicht, um zu verletzen. Er schlägt, weil sein Gehirn gerade keine andere Wirklichkeit anbietet. Aggression ist hier Symptom einer behandlungsbedürftigen Erkrankung, vergleichbar mit Fieber oder Atemnot. Fachgesellschaften und Fachliteratur, etwa im Deutschen Ärzteblatt, weisen seit Jahren darauf hin, dass Delire häufig zu spät erkannt werden, gerade die stille, hypoaktive Form.
Für Notaufnahmen heißt das: Delir-Screening, Orientierungshilfen, ruhige Umgebung und die frühzeitige Behandlung der Ursache sind Gewaltprävention im Wortsinn. Jedes erkannte Delir ist eine Eskalation, die gar nicht erst stattfindet.
Gewalt hat zwei Richtungen, auch hier
Wer über intoxikierte und delirante Patientinnen und Patienten spricht, muss auch über die Gegenrichtung sprechen. Denn dieselben Menschen, von denen Aggression ausgehen kann, sind zugleich besonders verletzlich. Ein Betrunkener, der im Flur “geparkt” wird, weil ohnehin niemand mit ihm reden könne. Eine delirante Patientin, die fixiert wird, obwohl mildere Mittel möglich wären. Ein abfälliger Ton gegenüber Menschen mit Suchterkrankung, der sich in Teams einschleichen kann, wenn die Erschöpfung groß ist.
Fixierungen und Zwangsmaßnahmen sind rechtlich eng begrenzt und nur als letztes Mittel zulässig, das Bundesverfassungsgericht hat die Anforderungen 2018 noch einmal verschärft. In der Realität hängt die Praxis aber stark davon ab, wie viel Personal da ist, wie gut es geschult ist und ob Alternativen überhaupt zur Verfügung stehen. Auch das ist eine Form von Gewalt durch Systemdruck: Wenn die Fixierung nicht gewählt wird, weil sie nötig ist, sondern weil niemand Zeit für eine Sitzwache hat.
Entwürdigung und Übergriff haben hier dieselbe Wurzel wie die Gewalt gegen Personal: Überforderung, Enthemmung, Wegsehen. Wer nur eine Richtung benennt, versteht das Problem nicht.
Was Notaufnahmen wirklich schützt
Es gibt keinen Schalter, der Freitagnächte entschärft. Aber es gibt Maßnahmen, deren Wirkung in der Präventionsarbeit, etwa in den Empfehlungen von BGW und DGUV, gut beschrieben ist:
- Deeskalationstraining für alle, regelmäßig aufgefrischt, nicht als einmalige Pflichtveranstaltung
- Delir- und Intoxikations-Standards: klare Abläufe, Screening, definierte Zuständigkeiten statt Improvisation im Einzelfall
- Bauliche Sicherheit: einsehbare Wartebereiche, Rückzugsmöglichkeiten, Alarmierungssysteme, die tatsächlich funktionieren
- Verlässliche Personalbesetzung in den bekannten Hochrisikozeiten, denn Deeskalation braucht vor allem eines: Zeit
- Systematische Erfassung und Nachsorge: jeder Vorfall wird gemeldet, ausgewertet und mit den Betroffenen nachbesprochen, ohne Schuldzuweisung
- Klare Absprachen mit Sicherheitsdienst und Polizei, damit im Ernstfall niemand erst klären muss, wer wofür zuständig ist
Auffällig ist, was auf dieser Liste fehlt: härtere Türsteher, mehr Misstrauen, pauschale Abschreckung. Nicht, weil Sicherheitspersonal überflüssig wäre, sondern weil es die Ursachen nicht berührt. Enthemmung lässt sich nicht einschüchtern. Sie lässt sich nur einplanen.
Grenzsituationen bleiben, der Umgang mit ihnen nicht
Notaufnahmen werden auch künftig der Ort sein, an dem Rausch, Entzug und Delir auf erschöpfte Teams treffen. Die Grenzsituation lässt sich nicht abschaffen. Was sich ändern lässt, ist, ob Beschäftigte ihr allein ausgeliefert sind, und ob Patientinnen und Patienten in ihrem verletzlichsten Moment als Menschen behandelt werden oder als Störung im Ablauf. Beides hängt an denselben Stellschrauben: Ausstattung, Ausbildung, Haltung. Genau darum geht es bei #GesundheitOhneGewalt: hinsehen, verstehen, verändern, auf beiden Seiten des Behandlungstisches.