Am 8. Mai 2026 meldete die Weltgesundheitsorganisation eine Schwelle: mehr als 3.000 verifizierte Angriffe auf die Gesundheitsversorgung in der Ukraine seit Beginn der Vollinvasion im Februar 2022. Rund ein Fünftel davon traf Krankenwagen und andere medizinische Fahrzeuge. Bei fast jedem dritten dieser Angriffe gab es Tote oder Verletzte. Die WHO nennt den Krankentransport deshalb den Bereich mit dem höchsten Risiko.
Über Angriffe auf den Rettungsdienst in Deutschland schreiben wir seit Jahren. Der Satz, dass Gewalt gegen Menschen, die helfen, nicht hinzunehmen ist, gilt auch dort, wo sie mit Drohnen und Raketen ausgeübt wird.
Was gezählt wird
Es gibt zwei große Zählungen, und sie kommen zu unterschiedlichen Zahlen.
Die WHO erfasst Angriffe in ihrem Surveillance System for Attacks on Health Care. Bis Ende Februar 2026 waren es 2.881 Angriffe. Dabei wurden 233 Menschen getötet und 930 verletzt, Beschäftigte und Patientinnen und Patienten zusammengerechnet. Im Jahr 2025 stieg die Zahl der Angriffe gegenüber 2024 um knapp 20 Prozent, Angriffe auf Medikamentenlager verdreifachten sich.
Eine Koalition aus Menschenrechtsorganisationen um Physicians for Human Rights und Insecurity Insight zählt eigenständig. Ihr Stand vom Februar 2026: 2.591 Angriffe, davon 1.389 auf Krankenhäuser und Kliniken und 235 auf Krankenwagen. Getötet wurden nach dieser Zählung 359 Gesundheitskräfte, 379 wurden verletzt.
Die Zahlen passen nicht glatt zusammen, weil beide Stellen unterschiedlich erfassen und prüfen. Wir nennen deshalb beide, jeweils mit Stand. Vollständig ist keine von beiden.
Drohnen und der zweite Einschlag
Die Koalition beschreibt eine deutliche Verschiebung bei den Waffen. Drohnenangriffe auf die Gesundheitsversorgung zählte sie 2023 in 25 Fällen, 2024 in 87 und 2025 in mehr als 300. Sie beschreibt außerdem wiederholte Angriffe auf denselben Ort, die sogenannten Double-Tap-Angriffe. Sie treffen die Menschen, die nach dem ersten Einschlag zur Hilfe kommen: Rettungskräfte, Notärztinnen und Notärzte, Feuerwehr.
Für den Rettungsdienst verändert das die Arbeit grundlegend. Wer zu einem Einsatzort fährt, muss damit rechnen, selbst getroffen zu werden.
Wer was feststellt, und was Moskau sagt
Die bekannteste einzelne Zerstörung traf am 8. Juli 2024 das Kinderkrankenhaus Ochmatdyt in Kiew. Die UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission in der Ukraine kam zu dem Schluss, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit ein russischer Marschflugkörper direkt eingeschlagen war. Der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge, sagte im Mai 2026 über die verifizierten Angriffe insgesamt, jeder einzelne verstoße gegen das humanitäre Völkerrecht.
Die russische Regierung weist das zurück. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte nach dem Angriff auf Ochmatdyt, Russland greife ausschließlich militärische Ziele an und keine zivilen. Moskau machte eine ukrainische Flugabwehrrakete für die Zerstörung verantwortlich.
Die Kampagne stellt selbst keine Kriegsverbrechen fest. Wir geben wieder, was die zuständigen Stellen festgestellt haben und was die beschuldigte Seite dazu sagt.
Was die deutsche Ärzteschaft gesagt hat
Die Niedersächsische Ärztekammer nannte die gezielten Angriffe auf ukrainische Krankenhäuser im Mai 2022 Kriegsverbrechen. „Dass ukrainische Krankenhäuser, Sanitätseinrichtungen und Praxen gezielt attackiert werden, macht uns als Ärztinnen und Ärzte fassungslos”, hieß es damals. Im April 2026 verurteilte der Vorstand des Weltärztebunds in Belgrad erneut Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, sagte dazu: „Wer Krankenhäuser angreift und Ärztinnen und Ärzte bedroht, verletzt Prinzipien, die im humanitären Völkerrecht klar verankert sind.”
Wie die deutsche Ärzteschaft mit Angriffen auf Gesundheitspersonal im Gazastreifen umgeht, haben wir in einem eigenen Beitrag beschrieben. Einen weltweiten Überblick gibt unser Beitrag zehn Jahre Resolution 2286.
Unsere Haltung
Reinhardts Satz gilt für jeden Konflikt. Unsere Forderung richtet sich an die deutsche Ärzteschaft: Angriffe auf Gesundheitspersonal mit demselben Maßstab benennen, in der Ukraine, im Gazastreifen und im Sudan.
Quellen
- WHO Regionalbüro Europa: 3000 attacks on health care in Ukraine verified by WHO since full-scale invasion, 8. Mai 2026
- Vereinte Nationen in der Ukraine und WHO: Attacks on Ukraine’s health care increased by 20% in 2025, 26. Februar 2026
- Physicians for Human Rights: Attacks on Health in Ukraine Continue to Escalate Four Years into Russia’s Full-Scale Invasion, Februar 2026
- CNN: UN says ‘high likelihood’ a Russian cruise missile hit Ukraine’s main children’s hospital, 10. Juli 2024
- Voice of America, unter Berufung auf Reuters: Kremlin tries to cover its tracks in Kyiv children’s hospital bombing, Juli 2024
- Deutsches Ärzteblatt: Ärztekammer: Angriffe auf Kliniken sind Kriegsverbrechen, 2. Mai 2022
- Deutsches Ärzteblatt: Weltärztebund verurteilt Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen, 29. April 2026