Am 3. Mai 2016 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat einstimmig die Resolution 2286. Sie verurteilt Angriffe auf Krankenhäuser, Gesundheitspersonal, Patientinnen und Patienten und Krankentransporte in bewaffneten Konflikten und verlangt, dass solche Angriffe untersucht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Zum zehnten Jahrestag im Mai 2026 wandten sich die Spitzen von Internationalem Komitee vom Roten Kreuz, WHO und Ärzte ohne Grenzen gemeinsam an die Staaten. Ihr Befund: Das Recht ist da, es wird nicht eingehalten. „Das ist kein Versagen des Rechts. Es ist ein Versagen des politischen Willens”, heißt es in dem gemeinsamen Aufruf.

Illustration: ein langer Karteischrank mit dunkelgrünen Schubladen, eine Schublade ist herausgezogen und dicht mit unbeschrifteten Karteikarten gefüllt, alle anderen sind geschlossen
Gezählt wird, was gemeldet und geprüft werden kann. Vieles bleibt in geschlossenen Schubladen.

Was 2025 gezählt wurde

Die umfassendste Zählung stammt von der Safeguarding Health in Conflict Coalition, einem Zusammenschluss von Fachorganisationen, der seine Daten mit Insecurity Insight erhebt. Ihr Jahresbericht „Care in the Crosshairs” erschien im Mai 2026. Für das Jahr 2025 verzeichnet er 2.546 Vorfälle von Gewalt gegen die Gesundheitsversorgung oder deren Behinderung in 33 Ländern und Gebieten.

Darin enthalten sind:

  • 455 getötete Gesundheitskräfte
  • 218 entführte Gesundheitskräfte
  • 263 festgenommene Gesundheitskräfte in 17 Ländern und Gebieten, mindestens sieben starben in Haft
  • 790 Vorfälle, bei denen Gesundheitseinrichtungen beschädigt oder zerstört wurden
  • 410 Drohnenangriffe in 12 Ländern

Allein für den Gazastreifen nennt der Bericht 432 Vorfälle und mindestens 128 getötete Gesundheitskräfte.

Der Sudan

Die WHO zählt anders. Ihr Surveillance System for Attacks on Health Care erfasst Angriffe in Ländern mit humanitären Notlagen und in fragilen, von Konflikten betroffenen Regionen. Es zählt die Toten insgesamt, Beschäftigte und Patientinnen und Patienten zusammen.

Nach dieser Zählung war 2025 im Sudan das tödlichste Jahr. Die WHO verifizierte dort 65 Angriffe mit mehr als 1.620 Toten, im Durchschnitt rund 25 Tote je Angriff. Das sind mehr als 80 Prozent aller Todesopfer, die die WHO 2025 weltweit bei Angriffen auf die Gesundheitsversorgung verifiziert hat. Seit Beginn des Krieges im April 2023 bis April 2026 zählte die WHO im Sudan 217 Angriffe, 2.052 Tote und 810 Verletzte.

Was die Zahlen nicht zeigen

Beide Zählungen sind Untergrenzen. Was nicht gemeldet oder nicht geprüft werden kann, fehlt. Beide Stellen erfassen nach eigenen Regeln und in unterschiedlichen Ländern. Ihre Zahlen lassen sich deshalb weder addieren noch direkt vergleichen.

Die Ukraine zeigt, wie weit Zählungen auseinanderliegen können. Die WHO hatte dort bis Mai 2026 mehr als 3.000 Angriffe verifiziert, eine Koalition um Physicians for Human Rights kam bis Februar 2026 auf 2.591, bei anderer Abgrenzung. Beides steht in unserem Beitrag zur Ukraine.

Eine dritte Grenze betrifft die Folgen. In einer Bilanz zum Jahrestag schreiben Joseph Amon und Rohini Haar im Fachjournal Health and Human Rights, die Resolution habe das Verhalten der Täter in zehn Jahren kaum verändert.

Was das mit uns zu tun hat

Die Kampagne arbeitet zu Gewalt im deutschen Gesundheitswesen. Die Zahlen oben stammen aus Kriegen und bewaffneten Konflikten und lassen sich mit einem Übergriff in einer deutschen Notaufnahme nicht vergleichen. Der Grundsatz dahinter ist derselbe: Wer Menschen angreift, die andere versorgen, trifft die Versorgung aller.

Über Gaza haben wir gesondert geschrieben, auch darüber, wie die deutsche Ärzteschaft darauf reagiert hat.

Unsere Haltung

263 festgenommene Gesundheitskräfte in einem Jahr sind die Zahl, bei der Ärztekammern und Verbände in Deutschland am meisten bewirken können, weil es um einzelne Kolleginnen und Kollegen geht. Unsere Forderung bleibt dieselbe wie im Beitrag zu Gaza: Gesundheitspersonal, das wegen seiner Arbeit festgehalten wird, muss freikommen, in jedem Konflikt.

Quellen

  • UN-Sicherheitsrat: Resolution 2286 (2016), 3. Mai 2016
  • Internationales Komitee vom Roten Kreuz, WHO und Ärzte ohne Grenzen: Joint call by the President of the ICRC, the Director-General of WHO and the International President of MSF, 4. Mai 2026
  • Safeguarding Health in Conflict Coalition und Insecurity Insight: Care in the Crosshairs. Violence Against Health Care in Conflict in 2025, Mai 2026
  • Joseph J. Amon und Rohini J. Haar: A Decade of Failure. Attacks on Health Care Ten Years After Resolution 2286, Health and Human Rights Journal, 4. Juni 2026
  • WHO: After three years of conflict, Sudan faces a deeper health crisis, 14. April 2026
  • WHO Regionalbüro für den östlichen Mittelmeerraum: WHO warns of dangerous escalation of attacks on health care in Sudan, 2026
  • Health Policy Watch: Sudan’s Catastrophic Civil War Enters Fourth Year, 15. April 2026
  • WHO: Surveillance System for Attacks on Health Care, abgerufen am 26. September 2026