Drei typische Beispiele: Ein Sohn, der die Pflegekraft am Handgelenk packt. Eine Ehefrau, die im Wartebereich einer Notaufnahme schreit, bis das Sicherheitspersonal eingreift. Ein Vater, der über Stunden Druck auf die Stationsärztin ausübt, bis eine Kollegin einschreitet. Aggression im Krankenhaus geht nicht nur von Patientinnen und Patienten aus. Immer wieder sind es Angehörige, die die Grenze überschreiten, gegenüber dem Personal und, seltener sichtbar, gegenüber den Patientinnen und Patienten selbst.

Warum Angehörige zu Tätern werden können

Angehörige stehen selten am Bett, weil es ihnen gut geht. Sie sind erschöpft, sie haben Angst, sie fühlen sich ausgeliefert. Wer über Wochen einen kranken Elternteil begleitet, wer nach einem Unfall auf Diagnosen wartet, wer den eigenen Vater sterben sieht, der reagiert im Ausnahmezustand. Das erklärt Aggression nicht, aber es macht sie erwartbar.

Gewalt durch Dritte, also durch Personen, die weder Patientin oder Patient noch Personal sind, ist ein Teil der Belastung im Klinikalltag, der leicht unterschätzt wird.

Die Ursachen sind selten monokausal. Sie überlagern sich:

  • Ohnmachtserleben: Kontrollverlust über die Situation der eigenen Angehörigen.
  • Informationsdefizite: unklare Diagnosen, wechselnde Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, lange Wartezeiten.
  • Erschöpfung: Schlafmangel, monatelange Pflegeverantwortung, finanzieller Druck.
  • Konsum: Alkohol oder Medikamente, oft als Selbstberuhigung eingesetzt.
  • Vorbelastungen: eigene psychische Erkrankungen, familiäre Gewaltgeschichten.
  • Systemischer Druck: das Gefühl, im Klinikbetrieb “nicht durchzudringen”.

Typische Muster: von der lauten Stimme bis zur körperlichen Attacke

Aggression durch Angehörige verläuft in erkennbaren Stufen. Wer sie kennt, kann früher deeskalieren.

Am Anfang stehen meist verbale Signale: erhöhte Lautstärke, Beleidigungen, Drohungen mit Beschwerde oder Anzeige, das Filmen von Personal mit dem Smartphone. Es folgt räumliche Grenzverletzung, der Schritt zu nah heran, das Blockieren des Ausgangs, das Festhalten am Arm. Erst danach kommt es zu Schlägen, Tritten, Würgegriffen oder dem Werfen von Gegenständen.

Zuspitzen kann sich eine Situation, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: lange Wartezeit, wahrgenommene Missachtung und die Anwesenheit weiterer Familienmitglieder, vor denen „Stärke” gezeigt werden soll. Solche Lagen können in Notaufnahmen, auf Intensivstationen und rund um Sterbeprozesse entstehen.

Ein zweites Muster wird noch seltener benannt: Gewalt gegen die eigenen Patientinnen und Patienten. Sie zeigt sich subtil, im aggressiven Ton am Krankenbett, im Wegwischen von Schmerzäußerungen, in Kontrollverhalten über Essen, Medikation und Besuchszeiten. Das Personal ist oft die einzige Instanz, die diese Muster überhaupt bemerkt. Genau deshalb ist geschulte Beobachtung Teil des Schutzauftrags.

Warnsignale, die Teams ernst nehmen sollten

Nicht jeder laute Angehörige wird zum Täter. Aber es gibt Konstellationen, die auf ein erhöhtes Eskalationsrisiko hindeuten können:

  • Wiederholtes Erscheinen außerhalb der Besuchszeiten, ohne erkennbaren Grund.
  • Konflikthafte Kommunikation mit wechselnden Teammitgliedern, nicht nur mit einer Person.
  • Alkoholisierung oder deutlich verändertes Verhalten von Besuch zu Besuch.
  • Isolation der Patientin oder des Patienten vom Team: Fragen werden abgeblockt, Gespräche kontrolliert.
  • Drohungen “für später”, nach der Entlassung, nach dem Dienstwechsel.
  • Auffällige Reaktionen der Patientin oder des Patienten bei Ankunft der Angehörigen (Rückzug, Stille, Anspannung).

Diese Signale ersetzen keine Diagnose. Sie sind ein Anlass zur Dokumentation und, wo nötig, zum Gespräch im Team, mit der Sozialarbeit oder mit dem Gewaltschutzbeauftragten des Hauses.

Aggression ist ein Prozess, kein Moment. Wer die frühen Stufen sieht, muss die späten seltener aushalten.

Was Kliniken strukturell tun können

Der Umgang mit aggressiven Angehörigen ist eine organisatorische Aufgabe und hängt nicht allein an individueller Belastbarkeit. Einige Bausteine liegen nahe.

Kliniken können festlegen, wer wann informiert: Ärztinnen und Ärzte, Pflegeleitung, Sicherheitsdienst, Sozialdienst. Sie können dafür sorgen, dass Wartezeiten kommuniziert werden, auch wenn es nichts Neues zu sagen gibt. Sie können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deeskalation schulen und ihnen Rückendeckung geben, ein Gespräch abzubrechen. Sie können Übergriffe konsequent dokumentieren, auch die „kleinen”, und die Daten auswerten. Und sie können Betroffene nach Vorfällen unterstützen, juristisch, psychologisch, praktisch. Materialien dazu bietet die Kampagne #GewaltAngehen der Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und ihres Spitzenverbands, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Sie richtet sich gegen Gewalt bei der Arbeit und spricht ausdrücklich auch Beschäftigte im Gesundheitswesen an.

Wichtig ist die zweite Blickrichtung: der Schutz von Patientinnen und Patienten vor eigenen Angehörigen. Das erfordert klare Regeln zum Zutritt, sensible Anamnese, geschützte Räume für vertrauliche Gespräche und Kooperationen mit Beratungsstellen zu häuslicher und Altersgewalt. Der Klinikbesuch kann für manche Patientin oder Patient der einzige Ort sein, an dem Gewalt zu Hause überhaupt bemerkt wird.

Was der Blick auf Angehörige über das System verrät

Wenn Angehörige regelmäßig zur Gefahr werden, ist das selten ein Charakterproblem einzelner Personen. Es ist ein Hinweis auf strukturelle Lücken: zu wenig Zeit für Aufklärung, zu viele parallele Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, zu lange Wartezeiten, zu wenig Räume für schwierige Gespräche, zu wenig Rückhalt für Teams, die “Nein” sagen müssen.

Die Kampagne #GesundheitOhneGewalt richtet sich nicht gegen besorgte Familien. Sie richtet sich gegen Enthemmung, Überforderung und Wegsehen, drei Bedingungen, die aus Angst und Erschöpfung Übergriffe machen. Wer diese Bedingungen ernst nimmt, schützt beide Seiten: das Personal, das im Alltag standhalten muss, und die Patientinnen und Patienten, für die das Krankenhaus manchmal der sicherste Ort im ganzen Leben ist.

Quellen