Sexuelle Belästigung im Krankenhaus ist kein Randphänomen. Sie trifft Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Auszubildende und Reinigungspersonal ebenso wie Patientinnen und Patienten in verletzlichen Situationen. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) benennen das Problem seit Jahren offen. Belastbare Zahlen bleiben trotzdem lückenhaft, weil vieles nicht gemeldet wird.

Was die verfügbaren Zahlen zeigen

Erhebungen der BGW zeigen, dass ein erheblicher Teil der Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen im Laufe eines Berufslebens sexuelle Belästigung erlebt. Die Bandbreite reicht von anzüglichen Bemerkungen über unerwünschte Berührungen bis hin zu gezielten Übergriffen. Umfragen unter Pflegekräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rettungsdienst berichten regelmäßig davon, dass Belästigungen als Teil des Berufsalltags wahrgenommen werden, obwohl sie es nicht sein dürfen.

Auch der Marburger Bund weist in Umfragen unter Ärztinnen und Ärzte darauf hin, dass Belästigung im hierarchischen Klinikbetrieb ein Thema ist, das häufig innerhalb der Berufsgruppe stattfindet: durch Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen oder Patientinnen und Patienten. In psychiatrischen Abteilungen, in der Notaufnahme und in der Gerontopsychiatrie ist die Häufigkeit besonders hoch, weil Enthemmung durch Krankheit, Substanzeinfluss oder Ausnahmesituationen als Auslöser hinzukommt.

Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) und Auswertungen im Deutschen Ärzteblatt machen zugleich deutlich: Die dokumentierten Fälle bilden nur einen Teil der Realität ab. Wer sich in Ausbildung befindet, befristet beschäftigt ist oder Sorge um die berufliche Zukunft hat, meldet seltener.

Warum das Dunkelfeld so groß ist

Sexuelle Belästigung wird in Kliniken aus mehreren Gründen selten gemeldet. Betroffene bewerten Vorfälle nachträglich als weniger schlimm, als sie waren. Sie fürchten Konsequenzen für ihre Karriere, wenn Vorgesetzte betroffen sind. Sie zweifeln, ob eine Meldung überhaupt Folgen hätte. Und sie erleben das Klinikumfeld als so belastet, dass die zusätzliche Auseinandersetzung als unzumutbar empfunden wird.

Ein zweiter Grund liegt in der Struktur der Arbeit selbst. Körperliche Nähe gehört zum Beruf. Die Grenze zwischen professioneller Berührung und Übergriff ist im Alltag oft schnell verwischt, gerade dann, wenn ein Patient oder eine Patientin die Situation ausnutzt. Ohne klare Sprache im Team und ohne klare Verfahren bleibt vieles ungesagt.

Nicht gemeldet heißt nicht nicht passiert. Es heißt, dass ein System noch keinen Weg gefunden hat, es sichtbar zu machen.

Hinzu kommt: Belästigung trifft nicht nur Personal. Patientinnen und Patienten erleben Übergriffe in Untersuchungssituationen, während der Grundpflege oder in Mehrbettzimmern. Auch hier fehlt es oft an einer klaren Adresse, an die sich Betroffene wenden können, ohne die eigene Behandlung zu gefährden.

Welche Meldewege es gibt

Kliniken sind nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verpflichtet, eine Beschwerdestelle einzurichten. Darüber hinaus gehören strukturierte Meldewege heute zum Stand einer sicheren Klinik. Praktikabel ist ein gestuftes System, das mehrere Zugänge anbietet, damit Betroffene nach eigener Einschätzung wählen können.

  • Interne AGG-Beschwerdestelle: gesetzlich vorgeschrieben, aber nur wirksam, wenn ihre Existenz und Erreichbarkeit tatsächlich bekannt sind.
  • Betriebs- oder Personalrat: vertritt kollektive Interessen und kann individuelle Meldungen begleiten.
  • Gleichstellungsbeauftragte: hat oft niedrigschwelligeren Zugang als die Klinikleitung.
  • Anonyme Ombudsstelle oder externe Vertrauensperson: wichtig, wenn Vorgesetzte selbst betroffen sind.
  • Betriebsärztlicher Dienst und psychosoziale Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner: für Belastung nach einem Vorfall.
  • Externe Beratung: BGW-Beratungsangebote, Fachberatungsstellen wie der Bundesverband Frauenberatungsstellen (bff), im Ernstfall Polizei und Anzeige.

Für Patientinnen und Patienten ist zusätzlich das klinische Beschwerdemanagement, die Patientenfürsprache und, wenn vorhanden, ein Ethikkomitee eine Anlaufstelle. Wichtig ist, dass diese Wege in Aufnahmeunterlagen und auf den Stationen sichtbar sind, nicht nur auf der Website.

Was Kliniken konkret ändern können

Meldewege wirken nur, wenn sie im Alltag ankommen. Die BGW und die DGUV empfehlen dafür ein Bündel aufeinander abgestimmter Maßnahmen. Entscheidend ist weniger die Zahl der Instrumente, sondern die Frage, ob sie regelmäßig geübt und ehrlich ausgewertet werden.

  • Klar formulierte Dienstanweisung, die Verhalten und Konsequenzen benennt, kurz genug, um im Team zitiert zu werden.
  • Verpflichtende Kurzschulungen in der Einarbeitung, wiederholt in kleinen Formaten.
  • Rollenspiele und Deeskalationstrainings, besonders für Notaufnahme, Psychiatrie, Rettungsdienst.
  • Nachbesprechung nach Vorfällen, standardisiert, ohne Schuldzuweisung, mit dokumentierten Vereinbarungen.
  • Regelmäßige, anonymisierte Auswertung der Fälle in der Betriebsversammlung und im Qualitätsbericht.

Wichtig ist der Blick auf beide Richtungen. Belästigung durch Patientinnen und Patienten, Angehörige und Kolleginnen und Kollegen gehört gleichermaßen in die Statistik und in die Nachbesprechung. Wo nur eine Richtung sichtbar wird, entstehen blinde Flecken, die das Vertrauen in das System untergraben.

Warum Zahlen und Meldewege zusammengehören

Ohne Zahlen keine Priorität, ohne Meldewege keine Zahlen. Dieser einfache Zusammenhang beschreibt, warum es sich lohnt, beide Seiten gleichzeitig zu bearbeiten. Kliniken, die ihre Meldeprozesse öffnen und zugleich transparent über Fallzahlen sprechen, verlieren kurzfristig die Illusion, sie seien nicht betroffen. Sie gewinnen aber die Grundlage, an der sich Verbesserung messen lässt.

Sexuelle Belästigung ist kein individuelles Fehlverhalten, das mit einem Aushang aus der Welt geschafft wird. Sie hat mit Enthemmung, mit Überforderung, mit unklaren Rollen und mit dem Wegsehen zu tun, das entsteht, wenn Personal chronisch am Limit arbeitet. Genau an diesen Ursachen setzt die Kampagne #GesundheitOhneGewalt an: nicht mit Empörung, sondern mit belastbaren Wegen, damit Vorfälle sichtbar werden und Konsequenzen haben, im Interesse von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Patientinnen und Patienten.