Kaum ein Arbeitsplatz im deutschen Gesundheitswesen ist so eng mit dem Thema Gewalt verknüpft wie die Psychiatrie. Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte und Therapeutinnen und Therapeuten berichten regelmäßig von verbalen Bedrohungen, körperlichen Übergriffen und schwer belastenden Situationen. Zugleich sind Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Kliniken einem eigenen Risiko ausgesetzt: durch Mitpatientinnen und Mitpatienten, aber auch durch Zwangsmaßnahmen, die mit Verletzungen und Traumatisierungen einhergehen können. Dieser Beitrag ordnet ein, warum ausgerechnet die Psychiatrie so viele Übergriffe verzeichnet, und welche strukturellen Faktoren dahinterstecken.
Ein Bereich mit besonderer Belastung
Psychiatrische Stationen zählen laut Auswertungen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) seit Jahren zu den Arbeitsbereichen mit dem höchsten Aufkommen an Übergriffen. In vielen Kliniken berichten Pflegekräfte, dass sie mehrmals pro Woche mit verbaler Aggression konfrontiert sind. Körperliche Übergriffe, Schläge, Tritte, Beißen, Spucken, gehören für einen erheblichen Teil der Beschäftigten zum beruflichen Alltag.
Diese Häufung ist kein Zufall. In der Psychiatrie treffen Menschen in akuten Krisen, mit Psychosen, Suchterkrankungen, schweren Persönlichkeitsstörungen oder Demenzsymptomen auf ein Umfeld, in dem sie sich selten aus freiem Willen befinden. Enge, Reizüberflutung, Kontrollverlust und Angst können Verhalten auslösen, das im Alltag nicht auftritt. Übergriffe sind hier häufig nicht Ausdruck von Bosheit, sondern Symptom einer Erkrankung oder einer überfordernden Situation.
Gleichzeitig darf das nicht zur Verharmlosung führen. Ein Faustschlag ins Gesicht bleibt ein Faustschlag, auch dann, wenn ihn ein desorientierter Mensch ausführt. Die Aufgabe der Prävention besteht darin, beide Realitäten anzuerkennen: das medizinische Krankheitsbild und die konkrete Verletzung, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder andere Patientinnen und Patienten davontragen.
Warum das Risiko strukturell hoch ist
Übergriffe in der Psychiatrie lassen sich selten mit dem Verhalten einzelner Personen erklären. Sie entstehen dort, wo bestimmte Faktoren aufeinandertreffen und sich verstärken. Wer verstehen will, warum die Zahlen so hoch sind, muss die Systemebene betrachten.
Zu den zentralen Risikofaktoren zählen:
- Personalknappheit: Weniger Pflegekräfte pro Schicht bedeuten weniger Zeit für Beziehungsarbeit, weniger Deeskalation und mehr Situationen, in denen Konflikte eskalieren.
- Akutaufnahmen ohne Vorlaufzeit: Menschen kommen häufig gegen ihren Willen, oft von Polizei oder Rettungsdienst gebracht, teils intoxikiert. Ein ruhiger Erstkontakt ist unter diesen Bedingungen schwer herzustellen.
- Räumliche Enge und Reizfülle: Beengte Aufnahmestationen, laute Flure, wenig Rückzugsmöglichkeiten, all das erhöht das Anspannungsniveau.
- Zwangsmaßnahmen: Fixierungen, Isolationen und Zwangsmedikation sind rechtlich streng geregelt, bergen aber ein hohes Verletzungs- und Retraumatisierungsrisiko für Patientinnen und Patienten und ein Verletzungsrisiko für das Personal.
- Unklare Zuständigkeiten: Wenn Deeskalationskonzepte nur auf dem Papier stehen, entscheiden Berufserfahrung und Bauchgefühl. Das funktioniert oft, kann aber auch dramatisch scheitern.
- Fehlende Nachbereitung: Wo nach einem Übergriff kein strukturiertes Debriefing stattfindet, bleibt Belastung im System, bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie bei Patientinnen und Patienten.
Diese Faktoren wirken zusammen. Ein Haus mit guter Personalausstattung, klarer Deeskalationskultur und konsequenter Nachsorge erlebt in derselben Population deutlich weniger schwere Vorfälle als ein Haus, in dem eine dieser Säulen fehlt.
Zwei Richtungen: Gewalt gegen Personal und gegen Patientinnen und Patienten
Die öffentliche Debatte konzentriert sich meist auf verletzte Pflegekräfte oder Ärztinnen und Ärzte. Das ist berechtigt, die Belastungen sind real und werden systematisch unterschätzt. Gleichzeitig darf die andere Richtung nicht ausgeblendet werden.
Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Einrichtungen berichten in Studien und Beschwerdeverfahren immer wieder von Erfahrungen, die als übergriffig erlebt werden: rauer Umgangston, körperlicher Zwang, der als demütigend empfunden wird, Fixierungen ohne ausreichende Aufklärung, Mitpatientinnen und Mitpatienten, die ihre Grenzen nicht wahren. Auch das Deutsche Ärzteblatt und Fachgesellschaften weisen seit Jahren darauf hin, dass Zwangsmaßnahmen zu häufig, zu lang und ohne ausreichende Deeskalationsversuche zum Einsatz kommen.
Wo Sicherheit nur als Sicherheit des Personals gedacht wird, entstehen neue Verletzungen, auf der anderen Seite.
Für eine Kampagne wie #GesundheitOhneGewalt bedeutet das: Es geht nicht darum, Personal gegen Patientinnen und Patienten auszuspielen. Der Gegner ist nicht die eine oder die andere Gruppe. Der Gegner ist Enthemmung, Überforderung, Machtmissbrauch und das Wegsehen, wenn eine Situation eskaliert.
Was in Kliniken sichtbar wirkt
Auch wenn die Datenlage in Deutschland unvollständig ist, Meldesysteme sind heterogen, viele Vorfälle werden nicht dokumentiert, zeichnet sich in der Fachliteratur und in Berichten der DGUV und BGW ab, wo Prävention greift. Kliniken, die systematisch in Deeskalation, Personalstärke und Aufarbeitung investieren, senken das Übergriffsrisiko messbar.
Wirksame Elemente sind unter anderem:
- verpflichtende, regelmäßig aufgefrischte Deeskalationstrainings für alle Berufsgruppen mit Patientinnen und Patientenkontakt
- klare, transparente Konzepte für Zwangsmaßnahmen, inklusive Nachbesprechung mit den Betroffenen
- niedrigschwellige Meldesysteme, in denen auch kleine Vorfälle dokumentiert werden, ohne Angst vor Konsequenzen
- Supervision und psychologische Nachsorge nach schweren Ereignissen, für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Patientinnen und Patienten
- bauliche Anpassungen: Rückzugsräume, Reizreduktion, sichere Aufnahmebereiche
- Führung, die Übergriffe nicht als Betriebsunfall abtut, sondern als Anlass zur Systemanalyse begreift
Diese Maßnahmen sind aufwendig, aber weder utopisch noch unbezahlbar. Sie erfordern politischen Willen, ausreichende Finanzierung psychiatrischer Versorgung und eine Kultur, in der Sicherheit nicht als Kontrolle, sondern als gemeinsame Aufgabe verstanden wird.
Ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient
Die Psychiatrie ist kein Randbereich der Medizin. Rund jede vierte erwachsene Person in Deutschland ist im Verlauf eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen, das Robert Koch-Institut weist diese Größenordnung seit Jahren aus. Damit ist die Frage, wie Übergriffe in psychiatrischen Kliniken verhindert werden können, keine Nischenfrage. Sie berührt einen großen Teil der Bevölkerung, ihre Angehörigen und die Beschäftigten eines der belastetsten Arbeitsfelder im Gesundheitswesen.
Wer über Gewalt in der Psychiatrie spricht, spricht am Ende über Bedingungen: über Personalzahlen, über Räume, über Zeit für Beziehung, über den Umgang mit Zwang. Genau dort setzt Prävention an, und dort entscheidet sich, ob “Gesundheit ohne Gewalt” ein Anspruch bleibt oder ein Zustand werden kann.