Gewalt gegen Pflegepersonal und Ärztinnen und Ärzte ist kein Randphänomen, sie ist eine ernste und weit verbreitete Realität im deutschen Gesundheitswesen. Ob verbale Beschimpfungen, körperliche Übergriffe oder Bedrohungen: Immer mehr Beschäftigte in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Notaufnahmen berichten von gewalttätigen Erfahrungen am Arbeitsplatz. Dieser Artikel beleuchtet das Ausmaß des Problems anhand aktueller Zahlen und Studien.

Das Ausmaß: Was Studien und Umfragen zeigen

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) erfasst Gewalt- und Schreckvorfälle als Arbeitsunfälle. Meldepflichtig sind sie, wenn sie zu mehr als drei Tagen Arbeitsunfähigkeit führen. Nach Angaben der BGW wurden ihr von 2018 bis 2022 jährlich durchschnittlich rund 5.300 Schreck- und Gewaltvorfälle als meldepflichtige Arbeitsunfälle angezeigt, und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn die Dunkelziffer liegt deutlich höher. 28 Prozent aller gemeldeten Fälle entfallen auf die Branche Pflege, 14 Prozent auf Kliniken.

Eine Befragung des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP) gemeinsam mit der B. Braun-Stiftung zeigt: Gewalterfahrungen gehören für viele Pflegekräfte zum Berufsalltag. Fast jede und jeder Dritte berichtet, dass Maßnahmen gegen den Willen von Patientinnen und Patienten an der Tagesordnung sind. Nur wenige Einrichtungen bieten strukturierte Aufarbeitung von Gewaltereignissen an.

Eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), veröffentlicht im April 2024, belegt: 73 Prozent der Kliniken berichten, dass die Zahl der Übergriffe in den letzten fünf Jahren gestiegen ist, 20 Prozent sogar stark. In 80 Prozent der befragten Häuser ist das Pflegepersonal am stärksten betroffen. Nur 4 Prozent der Kliniken verzeichneten weniger Vorfälle.

Für die ambulante Versorgung liefert die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die größte Erhebung. An ihrer Online-Befragung im Sommer 2024 nahmen über 7.000 Ärztinnen, Ärzte, Psychotherapeuten und Praxismitarbeitende teil. 80 Prozent von ihnen hatten im Jahr davor selbst verbale Gewalt in der Praxis erlebt, oftmals mehrfach. 43 Prozent berichteten, in den vergangenen fünf Jahren getreten, geschubst, bespuckt oder schweren Angriffen ausgesetzt gewesen zu sein. Was das für den Alltag bedeutet, beschreibt unser Beitrag zur Gewalt in der Hausarztpraxis.

Besonders betroffene Bereiche

Nicht alle Bereiche sind gleich stark betroffen. Laut DKG-Befragung ist die Notaufnahme das am stärksten belastete Gebiet, die Hälfte aller Kliniken nennt sie als Hauptbrennpunkt. Eine Befragung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und der BGW unter Beschäftigten in Kliniken, Pflege- und Betreuungseinrichtungen ergab: 94 Prozent hatten in den zwölf Monaten zuvor verbale und 70 Prozent körperliche Übergriffe erlebt, am häufigsten in Krankenhäusern und in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung. Weitere stark betroffene Bereiche sind die Psychiatrie und die Altenpflege.

Warum viele Vorfälle nicht gemeldet werden

Das Dunkelfeld ist erheblich. Viele Betroffene melden Vorfälle nicht, aus Resignation, aus Angst vor Konsequenzen oder weil eine Kultur des Hinnehmens in der Einrichtung herrscht. Die BGW stellt fest: Nur dort, wo eine aktive Meldekultur etabliert ist, wird das wahre Ausmaß sichtbar. Und nur was sichtbar ist, kann verändert werden.

Konsequenzen für das Personal

Die Folgen für Betroffene sind gravierend: Laut DKG-Umfrage berichten nur 13 Prozent der Kliniken, dass Übergriffe keine psychischen Folgen hinterlassen. 24 Prozent der Kliniken nannten sogar Kündigungen als Folge der Übergriffe, ein alarmierendes Zeichen für die Bindungswirkung von Sicherheit am Arbeitsplatz. Rund ein Drittel der Befragten in der UKE/BGW-Studie fühlte sich durch Übergriffe stark belastet.

Fazit: Das Problem ist messbar, und lösbar

Die Datenlage ist eindeutig: Gewalt im Gesundheitswesen ist verbreitet, nimmt zu und hat reale Folgen für Menschen und Einrichtungen. Gleichzeitig zeigen Studien: Einrichtungen, die aktiv Prävention betreiben, verzeichnen eine messbar geringere Belastung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Wissen ist da, es braucht jetzt Umsetzung.

Quellen