Gewalt gegen Pflegepersonal und Ärztinnen und Ärzte ist kein Randphänomen, sie ist eine ernste und weit verbreitete Realität im deutschen Gesundheitswesen. Ob verbale Beschimpfungen, körperliche Übergriffe oder Bedrohungen: Immer mehr Beschäftigte in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Notaufnahmen berichten von gewalttätigen Erfahrungen am Arbeitsplatz. Dieser Artikel beleuchtet das Ausmaß des Problems anhand aktueller Zahlen und Studien.

Das Ausmaß: Was Studien und Umfragen zeigen

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) erfasst Gewalt als meldepflichtigen Arbeitsunfall. Laut BGW-Studie (2023) werden jährlich rund 5.300 Schreck- und Gewaltvorfälle als Arbeitsunfälle gemeldet, und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn die Dunkelziffer liegt deutlich höher. 28 Prozent aller gemeldeten Fälle entfallen auf die Branche Pflege, 14 Prozent auf Kliniken.

Eine Befragung des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP) gemeinsam mit der B. Braun-Stiftung zeigt: Gewalterfahrungen gehören für viele Pflegekräfte zum Berufsalltag. Fast jede und jeder Dritte berichtet, dass Maßnahmen gegen den Willen von Patientinnen und Patienten an der Tagesordnung sind. Nur wenige Einrichtungen bieten strukturierte Aufarbeitung von Gewaltereignissen an.

Eine Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) belegt: 73 Prozent der Kliniken berichten, dass die Zahl der Übergriffe in den letzten fünf Jahren gestiegen ist, 20 Prozent sogar stark. In 80 Prozent der befragten Häuser ist das Pflegepersonal am stärksten betroffen. Nur 4 Prozent der Kliniken verzeichneten weniger Vorfälle.

Besonders betroffene Bereiche

Nicht alle Bereiche sind gleich stark betroffen. Laut DKG-Befragung ist die Notaufnahme das am stärksten belastete Gebiet, die Hälfte aller Kliniken nennt sie als Hauptbrennpunkt. Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und der BGW zeigt: In Notaufnahmen berichten 94 Prozent des Personals von verbalen und 70 Prozent von körperlichen Angriffen. Weitere stark betroffene Bereiche sind die Psychiatrie und die Altenpflege.

Warum viele Vorfälle nicht gemeldet werden

Das Dunkelfeld ist erheblich. Viele Betroffene melden Vorfälle nicht, aus Resignation, aus Angst vor Konsequenzen oder weil eine Kultur des Hinnehmens in der Einrichtung herrscht. Die BGW stellt fest: Nur dort, wo eine aktive Meldekultur etabliert ist, wird das wahre Ausmaß sichtbar. Und nur was sichtbar ist, kann verändert werden.

Konsequenzen für das Personal

Die Folgen für Betroffene sind gravierend: Laut DKG-Umfrage berichten nur 13 Prozent der Kliniken, dass Übergriffe keine psychischen Folgen hinterlassen. In 24 Prozent der Häuser führten Vorfälle sogar zu Kündigungen, ein alarmierendes Zeichen für die Bindungswirkung von Sicherheit am Arbeitsplatz. Rund ein Drittel der BGW-Befragten fühlte sich durch Übergriffe stark belastet.

Fazit: Das Problem ist messbar, und lösbar

Die Datenlage ist eindeutig: Gewalt im Gesundheitswesen ist verbreitet, nimmt zu und hat reale Folgen für Menschen und Einrichtungen. Gleichzeitig zeigen Studien: Einrichtungen, die aktiv Prävention betreiben, verzeichnen eine messbar geringere Belastung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Wissen ist da, es braucht jetzt Umsetzung.

Quellen: BGW-Studie „Gewalt und Aggression in Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege” (2023) · DKG-Umfrage zu Gewalt gegen Klinikpersonal (dkgev.de) · DIP/B. Braun-Stiftung „Gewalt in der Pflege” (2024) · UKE/BGW-Studie zu Notaufnahmen