Gewalt in der Altenpflege ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Problem, das in deutschen Pflegeeinrichtungen täglich Realität ist. Die Datenlage der letzten Jahre zeichnet ein klares Bild: Betroffen sind Bewohnerinnen und Bewohner ebenso wie die Menschen, die sie versorgen. Wer verstehen will, wie Übergriffe entstehen, muss beide Richtungen anschauen und die Bedingungen, unter denen sie möglich werden.
Was Studien in Deutschland zeigen
In einer Studie der Deutschen Hochschule der Polizei und des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) aus den Jahren 2017 und 2018 bestätigte eine deutliche Mehrheit der befragten Beschäftigten aus Pflegeheimen in Nordrhein-Westfalen, in den vier Wochen zuvor Gewalt durch Bewohnerinnen und Bewohner erfahren zu haben, vor allem verbale Angriffe, aber auch körperliche Gewalt. Das ZQP fasst diese und weitere Studien zusammen. Eine Befragung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) fand unter den untersuchten Bereichen die höchste Rate körperlicher Gewalt gegen Beschäftigte in der stationären Altenpflege.
Parallel dazu zeigen Studien, die das ZQP zusammenfasst, dass auch Pflegebedürftige selbst Gewalt erfahren. In der Befragung PEKo aus dem Jahr 2018 berichteten Beschäftigte von Pflegeeinrichtungen über Vernachlässigung, psychische und körperliche Gewalt sowie freiheitsentziehende Maßnahmen gegenüber Bewohnerinnen und Bewohnern. Viele Vorfälle bleiben unentdeckt, weil Betroffene aufgrund von Demenz, körperlicher Abhängigkeit oder Angst vor Konsequenzen nicht sprechen können oder wollen.
Die Zahlen unterscheiden sich je nach Studie und Erhebungsmethode. Konsens besteht darin, dass die Dunkelziffer hoch ist und dass ein relevanter Anteil aller Einrichtungen von Vorfällen betroffen ist. Wer nur die gemeldeten Fälle betrachtet, unterschätzt das Ausmaß systematisch.
Zwei Richtungen, ein System
Gewalt in der Altenpflege verläuft nicht in eine Richtung. Studien differenzieren regelmäßig zwischen mehreren Konstellationen, die sich im Alltag oft überlagern:
- Übergriffe von Bewohnerinnen und Bewohnern gegenüber Pflegekräften, häufig im Kontext von Demenzerkrankungen, Schmerz oder Orientierungsverlust
- Übergriffe von Pflegekräften gegenüber Bewohnerinnen und Bewohnern, meist als Ergebnis von Überforderung, Zeitdruck oder Entwürdigungserfahrungen
- Konflikte zwischen Angehörigen und Personal, in denen Sorge, Schuldgefühle und Personalmangel aufeinandertreffen
- Strukturelle Gewalt durch fehlende Ressourcen, die Vernachlässigung erst möglich macht
Diese Trennung ist analytisch wichtig, weil sie unterschiedliche Antworten erfordert. Ein aggressiver Bewohner mit fortgeschrittener Demenz braucht keine Sanktion, sondern eine andere Betreuungsstruktur. Eine Pflegekraft, die einen Menschen im Bett fixiert, obwohl es andere Wege gäbe, braucht kein Verständnis für den Zeitdruck, sondern klare Grenzen und Entlastung.
Wo Würde routinemäßig unterschritten wird, ist Gewalt keine Ausnahme mehr, sondern Teil des Betriebsablaufs.
Ursachen: Was die Forschung als treibend beschreibt
In der Fachdiskussion werden immer wieder drei Faktoren genannt.
Personalmangel und Zeitdruck stehen an erster Stelle. Wenn eine Pflegekraft im Nachtdienst allein für eine große Zahl schwerst pflegebedürftiger Menschen zuständig ist, kollidieren fachliche Ansprüche mit der Realität. Fixierungen, Zwangsmedikation und ruppige Grundpflege werden dann nicht aus Bösartigkeit gewählt, sondern aus einem Mangel an Alternativen. Das entschuldigt nichts, erklärt aber die Systematik.
Fehlende Qualifikation im Umgang mit Demenz ist der zweite große Faktor. Aggressives Verhalten von Bewohnerinnen und Bewohnern ist in vielen Fällen ein Symptom, kein Charakterzug. Wer nicht gelernt hat, herausforderndes Verhalten zu verstehen und zu deeskalieren, gerät in Situationen, in denen Kontrolle mit Gewalt verwechselt wird.
Schweigen als Betriebskultur wirkt als dritter Verstärker. Vorfälle werden intern nicht besprochen, Meldungen bleiben aus, Führungskräfte greifen nicht ein. Viele Beschäftigte fürchten berufliche Konsequenzen, wenn sie Kolleginnen und Kollegen oder Missstände benennen.
Was Betroffene und Beschäftigte tragen
Die Folgen sind messbar. In der Befragung von UKE und BGW fühlte sich rund ein Drittel der Beschäftigten durch die erlebte Gewalt stark belastet. Ein Teil der Beschäftigten verlässt den Beruf nach wiederholten Gewalterfahrungen dauerhaft, was den Personalmangel weiter verschärft und den Druck auf die Verbliebenen erhöht. Es entsteht ein Kreislauf, in dem Gewalt Gewalt begünstigt.
Für Bewohnerinnen und Bewohner sind die Folgen oft weniger sichtbar, aber gravierender. Wer täglich erlebt, dass über den eigenen Körper verfügt wird, verliert Autonomie, Vertrauen und mitunter den Willen, sich zu äußern. Eine randomisierte Studie in deutschen Pflegeheimen zeigte, dass eine leitliniengestützte Schulung der Pflegeteams den Einsatz körperlich freiheitsentziehender Maßnahmen senken kann, ohne dass Stürze messbar zunahmen, ein Hinweis darauf, dass Gewalt keine unvermeidliche Folge des Pflegealltags ist.
Was daraus folgt
Die Studienlage lässt keinen ehrlichen Ausweg in Beschönigung. Gewalt in der Altenpflege ist real, sie hat zwei Richtungen, und sie entsteht dort, wo Überforderung auf Entwürdigung trifft und wo Wegsehen zur Routine wird. Sie ist aber nicht schicksalhaft. In der Befragung von UKE und BGW erlebten Beschäftigte umso seltener verbale und körperliche Übergriffe, je besser ihre Einrichtung sie auf den Umgang mit aggressivem Verhalten vorbereitet hatte.
Die Kampagne #GesundheitOhneGewalt versteht Gewalt in der Altenpflege deshalb nicht als isoliertes Pflegeproblem, sondern als Teil einer breiteren Frage: Unter welchen Bedingungen bleibt Würde im Gesundheitssystem erhalten, für die, die versorgt werden, und für die, die versorgen. Die nächste Frage, die sich aus der Datenlage aufdrängt, ist nicht ob etwas getan werden muss, sondern welche Maßnahmen tatsächlich wirken.
Quellen
- Zentrum für Qualität in der Pflege: Häufigkeit von Gewalt in der Pflege, Themenseite mit Studienübersicht, aktualisiert am 03.07.2023
- BMJ Open: Schablon A. et al., Frequency and consequences of violence and aggression towards employees in the German healthcare and welfare system, 2012
- JAMA: Köpke S. et al., Effect of a guideline-based multicomponent intervention on use of physical restraints in nursing homes, 2012