Eine Geburt ist einer der verletzlichsten Momente im Leben, für die Gebärende und für die Menschen, die sie begleiten. Genau deshalb wiegt es so schwer, wenn der Kreißsaal nicht als geschützter Raum erlebt wird, sondern als Ort, an dem über den eigenen Körper hinweg entschieden wird. Gewalt in der Geburtshilfe ist kein Randthema und kein Tabu mehr: Betroffene, Hebammen und Fachgesellschaften sprechen darüber, international wie in Deutschland. Diese Seite bündelt, was der Begriff umfasst, was die Forschung zeigt und welche Beiträge der Kampagne vertiefen.

Illustration: Eine Hebamme sitzt auf Augenhöhe neben einer Gebärenden und hält ihre Hand
Würde ist keine Zugabe, sondern der Maßstab: Zuwendung und Selbstbestimmung gehören in jeden Kreißsaal.

Was Gewalt in der Geburtshilfe bedeutet

Gemeint ist nicht das medizinisch Notwendige, das manchmal schnell und hart sein muss. Gemeint sind Handlungen und Unterlassungen, die die Würde und Selbstbestimmung der Gebärenden verletzen:

  • Eingriffe ohne Aufklärung und ohne Einwilligung, vom Dammschnitt bis zur Einleitung
  • Abwertende, drohende oder beschämende Sprache im Kreißsaal
  • Ignorieren von Schmerzen, Fragen und geäußerten Grenzen
  • Umstrittene Handgriffe wie der Kristeller-Handgriff, wenn sie ohne Indikation und Einwilligung angewendet werden
  • Alleinlassen in Angst und Schmerz, fehlende Information über das, was geschieht

Die Weltgesundheitsorganisation hat bereits 2014 in einem Statement respektlose und misshandelnde Behandlung während der Geburt als Verletzung von Menschenrechten benannt und alle Gesundheitssysteme zu Konsequenzen aufgefordert.

Was Studien zeigen

Misshandlung unter der Geburt, gemessen

41,6 %
der beobachteten Frauen erlebten körperliche oder verbale Misshandlung, Stigmatisierung oder Diskriminierung während der Geburt.

Quelle: Bohren et al., The Lancet 2019; Direktbeobachtung von über 2.000 Geburten in vier Ländern (Ghana, Guinea, Myanmar, Nigeria). Die Zahl ist nicht direkt auf Deutschland übertragbar, zeigt aber, wie messbar das Phänomen ist.

Für den deutschsprachigen Raum dokumentiert unter anderem die Zeitschrift für Hebammenwissenschaft, dass respektlose Behandlung und fehlende Einwilligung auch hierzulande verbreitet sind; jede dritte bis vierte Frau berichtet je nach Erhebung von negativen oder übergriffigen Erfahrungen. Sichtbar wird das Thema jedes Jahr am 25. November, wenn Betroffene bei der Aktion Roses Revolution rosafarbene Rosen vor Kreißsäle legen, an die Orte, an denen sie Gewalt erlebt haben.

Die Beiträge der Kampagne

Für Betroffene: die ersten Schritte

Wenn Sie Gewalt unter der Geburt erlebt haben, gilt zuerst: Ihre Wahrnehmung zählt. Sie müssen niemandem beweisen, dass es „schlimm genug” war, um darüber zu sprechen.

  • Reden hilft: mit der Partnerin oder dem Partner, der Hebamme, einer Nachsorgehebamme oder einer Beratungsstelle. Auch Monate später ist das nicht zu spät.
  • Unterlagen sichern: Sie haben das Recht auf Einsicht in die Geburtsdokumentation. Was für Aufklärung und Einwilligung generell gilt, erklärt unser Beitrag zur Aufklärungspflicht.
  • Beschwerde und Prüfung: Beschwerdewege führen über die Klinik, die Krankenkasse und die Gutachterkommissionen der Ärztekammern. Die Übersicht dazu bietet unsere Themenseite Recht nach einem Übergriff.
  • Bei anhaltender Belastung: Albträume, Vermeidung, Übererregbarkeit und Grübeln können auf eine posttraumatische Belastung hinweisen. Unser Beitrag zu PTBS nach traumatischer Geburt beschreibt Anzeichen und Hilfen.

Was sich ändern muss

Gewalt in der Geburtshilfe ist selten das Werk Einzelner und fast immer auch ein Strukturproblem: zu wenige Hebammen für zu viele Geburten, Interventionsroutinen ohne Einwilligungskultur, Ausbildungshierarchien, in denen Widerspruch verlernt wird. Eine Geburtshilfe ohne Gewalt braucht deshalb beides: Haltung im Kreißsaal und Personalschlüssel, die Eins-zu-eins-Betreuung möglich machen. Wer diese Forderung teilt, findet unter Mitmachen Wege, die Kampagne zu unterstützen.