Die Kinder- und Jugendmedizin galt lange als geschützter Raum. Wer ein krankes Kind bringt, so die stille Annahme, verhält sich anders als in einer Erwachsenennotaufnahme. Berichte aus Kinderkliniken, pädiatrischen Praxen und kinderärztlichen Notdiensten zeichnen inzwischen ein anderes Bild. Übergriffe, verbal, körperlich, digital, gehören zum Alltag vieler Teams.
Was in der Pädiatrie passiert
Übergriffe in der Kinder- und Jugendmedizin sind selten spektakulär. Häufiger sind es aggressive Anreden am Empfang, Drohungen gegen Pflegekräfte, tätliche Angriffe auf Ärztinnen und Ärzte im Wartebereich oder Beleidigungen im Anschluss an eine Impfberatung. Die Bundesärztekammer und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte weisen seit Jahren darauf hin, dass die Belastung in Pädiatrie und Kinderrettungsstellen deutlich zugenommen hat.
Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) dokumentiert branchenübergreifend, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen überdurchschnittlich häufig Gewalt am Arbeitsplatz erleben. Für die Pädiatrie kommt eine Besonderheit hinzu: Die Übergriffe gehen fast ausschließlich von Begleitpersonen aus, nicht von den jungen Patientinnen und Patienten selbst. Eltern in Ausnahmesituationen, Angehörige mit hoher emotionaler Aufladung, teils unter Alkohol- oder Substanzeinfluss, treffen auf ein System, das unter Personalmangel und Wartezeiten leidet.
Gleichzeitig gibt es die zweite Richtung, über die weniger gesprochen wird: Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche selbst, durch andere Patientinnen und Patienten im Wartezimmer, in Ausnahmefällen auch durch überforderte Angehörige direkt in der Klinik. Kinderschutz ist damit nicht nur ein Thema der Aufnahmediagnostik, sondern auch der Sicherheitsarchitektur.
Wo Übergriffe konkret stattfinden
Die Orte, an denen es eskaliert, ähneln sich in vielen Häusern und Praxen. Kliniken und Berufsverbände beschreiben immer wieder dieselben Zonen:
- Anmeldung und Triage in der Kindernotaufnahme, besonders in den Abend- und Nachtstunden
- Wartebereiche mit langen Verweilzeiten und wenig Ausweichmöglichkeiten
- Impfsprechstunden und Vorsorgeuntersuchungen bei kontroversen Themen
- Übergaben zwischen Rettungsdienst und Klinik, wenn Angehörige nicht mit einfahren dürfen
- Digitale Kanäle: Google-Rezensionen, Praxismail, Social-Media-Kommentare zu einzelnen Ärztinnen und Ärzte
Auffällig ist, dass viele Vorfälle nicht in der akuten Behandlungssituation entstehen, sondern in Momenten des Wartens, des Nicht-Verstehens oder der wahrgenommenen Zurückweisung. Die eigentliche medizinische Interaktion mit dem Kind verläuft meist ruhig, die Eskalation findet drumherum statt.
Warum ausgerechnet die Kinder- und Jugendmedizin
Die Ursachen liegen selten bei einzelnen Personen. Sie liegen in einer Konstellation, die für die Pädiatrie typisch ist. Ein krankes Kind aktiviert bei Bezugspersonen einen Ausnahmezustand, der biologisch angelegt ist. Wer sein Kind leiden sieht, verhält sich anders als bei eigener Krankheit. Angst kippt schnell in Kontrollverlust, Kontrollverlust in Aggression.
Dazu kommt struktureller Druck. Der Personalmangel in der Pädiatrie ist seit Jahren durch mehrere Fachgesellschaften dokumentiert. Kinderkliniken schließen Stationen, RSV-Wellen überlasten Notaufnahmen, Wartezeiten von mehreren Stunden sind in vielen Regionen die Regel. Wer nach fünf Stunden mit fieberndem Kleinkind aufgerufen wird, trifft auf ein Team, das seit acht Stunden im Belastungsmodus arbeitet. Das ist kein Alibi für Übergriffe, aber es erklärt, warum die Reibungsfläche wächst.
Ein dritter Faktor: die Verschiebung des Vertrauens. Medizinische Autorität wird zunehmend infrage gestellt. In der Kinder- und Jugendmedizin äußert sich das besonders bei Impfberatungen, bei Verdachtsäußerungen zu Kindeswohlgefährdung und bei Entscheidungen gegen den Willen der Eltern. Wo früher eine Empfehlung akzeptiert wurde, entsteht heute eine Aushandlung, und manchmal ein Konflikt.
Nicht die Diagnose eskaliert. Es eskaliert das, was um die Diagnose herum geschieht: Warten, Nicht-Verstehen, Sich-nicht-gesehen-Fühlen.
Was Übergriffe mit Teams machen
Die Folgen für Beschäftigte in der Pädiatrie sind messbar. Fluktuation in Kinderkliniken ist hoch, Auszubildende brechen früher ab, erfahrene Pflegekräfte wechseln in ruhigere Bereiche. Studien der BGW und Auswertungen des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung zeigen, dass wiederholte verbale Gewalt einen ähnlich starken Einfluss auf Verbleib im Beruf hat wie körperliche Übergriffe. Für die Pädiatrie ist das doppelt kritisch, weil Fachkräfte hier ohnehin knapp sind.
Auf Seite der Patientinnen und Patienten entsteht ein anderer Schaden. Eltern, die einmal eskaliert sind, kommen beim nächsten Mal mit schlechtem Gewissen, oder gar nicht mehr. Kinder erleben Situationen, in denen Erwachsene die Kontrolle verlieren. Nachsorge und Bindung an eine Praxis leiden, obwohl beides für die kinderärztliche Versorgung essenziell ist.
Was jetzt hilft
Kliniken und Praxen, die den Umgang mit Übergriffen strukturiert angehen, arbeiten meist an vier Punkten gleichzeitig: klare Zuständigkeit auf Leitungsebene, ein niedrigschwelliges Meldesystem, Deeskalationstraining für alle patient:innennahen Rollen und eine transparente Kommunikation gegenüber Familien über Wartezeiten und Abläufe. Die DGUV-Kampagne zur Prävention von Gewalt am Arbeitsplatz und die BGW-Materialien zu Gewaltschutz bieten dazu praxisnahe Vorlagen.
Ebenso wichtig ist, was oft ausgelassen wird: die Aufarbeitung nach dem Vorfall. Wer nach einer Bedrohung im Nachtdienst am nächsten Morgen wieder in der Anmeldung steht, ohne dass jemand nachgefragt hat, lernt, dass Übergriffe zum Job gehören. Genau diese Normalisierung ist das, was #GesundheitOhneGewalt aufbrechen will, in der Pädiatrie ebenso wie in jedem anderen Fach, in dem Menschen Menschen behandeln.