Wenn in einer Notaufnahme die Stimme steigt oder in einer geschlossenen Station der Griff nach dem Tisch wandert, entscheiden Sekunden. Kliniken in Deutschland setzen deshalb seit rund zwei Jahrzehnten auf strukturierte Deeskalationskonzepte. Eines der bekanntesten ist das Professionelle Deeskalationsmanagement, kurz ProDeMa. Dieser Beitrag ordnet ein, was das Konzept leistet, wo seine Grenzen liegen und wie es sich in eine Gesamtstrategie gegen Gewalt im Gesundheitswesen einfuegt.
Woher ProDeMa kommt und was es sein will
ProDeMa wurde in den 1990er Jahren am Zentrum fuer Psychiatrie in Weissenau entwickelt und ist heute ueber das Institut fuer Professionelles Deeskalationsmanagement in vielen deutschen Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Behindertenhilfe-Traegern verbreitet. Anders als klassische Sicherheitsdienstschulungen versteht sich der Ansatz nicht primaer als Selbstverteidigung, sondern als paedagogisch-therapeutisch fundiertes Konzept, das aggressives Verhalten als Kommunikation begreift.
Der Kern: Aggression wird nicht als Charaktereigenschaft, sondern als Reaktion auf ein wahrgenommenes Missverhaeltnis gelesen. Angst, Schmerz, Kontrollverlust, Erniedrigung oder eine akute psychische Krise koennen dieses Missverhaeltnis ausloesen. Wer diese Auslöser versteht, kann frueher intervenieren, ohne die Situation weiter zu befeuern.
Das macht ProDeMa auch politisch bemerkenswert. Der Ansatz nimmt Personal und Patientinnen und Patienten gleichermassen in den Blick. Beide Seiten koennen in einer Klinik Grenzen ueberschreiten, beide koennen verletzt werden. Deeskalation ist damit nicht nur Arbeitsschutz, sondern auch ein Beitrag zu einer weniger uebergriffigen Versorgung.
Die sieben Deeskalationsstufen als Herzstueck
Bekannt geworden ist ProDeMa vor allem durch das Modell der sieben Deeskalationsstufen. Sie beschreiben Ebenen, auf denen Einrichtungen ansetzen koennen, bevor koerperliche Interventionen ueberhaupt in Betracht kommen. In der Praxis werden die Stufen leicht unterschiedlich benannt, der Grundgedanke ist aber stabil.
- Verhinderung: Ursachen fuer Gewalt strukturell reduzieren, etwa durch Raumgestaltung, Wartezeiten, Personalschluessel und klare Kommunikationswege.
- Veraenderte Bewertung: Aggression nicht als persoenlichen Angriff, sondern als Symptom lesen und die eigenen Reaktionsmuster reflektieren.
- Verstehen der Ausloeser: Diagnostisch, biografisch und situativ pruefen, was das Verhalten gerade jetzt provoziert.
- Kommunikative Deeskalation: Sprache, Koerperhaltung, Naehe und Distanz bewusst einsetzen, um Spannung zu senken.
- Notfallpsychologische Interventionen: Umgang mit akuten Krisen, dissoziativen Zustaenden oder Suizidalitaet.
- Patientenschonende Abwehr- und Fluchttechniken: koerperliche Techniken nur als letzte Option, mit dem Ziel, Verletzungen auf beiden Seiten zu vermeiden.
- Nachsorge: strukturierte Aufarbeitung fuer Betroffene, Beteiligte und Teams, inklusive Meldewesen.
Wichtig ist die Reihenfolge. Die koerperliche Ebene steht bewusst weit hinten. Sie ist nicht der Anfang einer Deeskalation, sondern ihr Scheitern. Diese Rangfolge unterscheidet ProDeMa deutlich von rein sicherheitsdienstlich gepraegten Trainings.
Wo der Ansatz stark ist
ProDeMa wirkt vor allem dort, wo Aggression regelmaessig, aber selten toedlich auftritt: Psychiatrie, Gerontopsychiatrie, Behindertenhilfe, Notaufnahmen, Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Berufsgenossenschaft fuer Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege sowie die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung empfehlen strukturierte Deeskalationskonzepte als festen Bestandteil des Arbeitsschutzes in diesen Bereichen und verweisen in ihren Kampagnen wiederholt auf die hohe Belastung des Personals durch verbale und koerperliche Uebergriffe.
Der Ansatz hat drei praktische Staerken. Erstens ist er teamorientiert. Er trainiert nicht Einzelheldinnen, sondern Stationen. Zweitens ist er anschlussfaehig an bestehende Konzepte wie Recovery, trauma-informierte Versorgung oder Fixierungsvermeidung, weil er Machtasymmetrien mitdenkt. Drittens liefert er ein gemeinsames Vokabular. Wenn Pflege, Ärztinnen und Ärzte und Sozialdienst dieselben Stufen benennen, wird die Nachbesprechung nach einem Vorfall schneller belastbar.
Deeskalation beginnt nicht am Griff, sondern am Dienstplan.
Kliniken berichten regelmaessig, dass sich nach der Einfuehrung eines strukturierten Konzepts nicht nur die Zahl der koerperlichen Zwangsmassnahmen veraendert, sondern auch das Meldeverhalten. Vorfaelle werden haeufiger dokumentiert, weil Teams eine gemeinsame Sprache dafuer haben. Das ist keine Verschlechterung der Lage, sondern eine ehrlichere Abbildung.
Was ProDeMa nicht leisten kann
So ausgereift der Ansatz ist, er bleibt ein Werkzeug. Er kann strukturelle Ursachen benennen, aber nicht selbst beheben. Chronische Unterbesetzung, Doppelbelegungen, lange Wartezeiten in der Notaufnahme oder fehlende Rueckzugsraeume sind Treiber von Enthemmung. Kein Training gleicht einen Personalschluessel aus, der Deeskalation strukturell unmoeglich macht. Berufsverbaende wie der Marburger Bund und Fachgesellschaften weisen seit Jahren darauf hin, dass Praevention ohne verlaessliche Personalausstattung eine Fassade bleibt.
Zweitens ersetzt Deeskalation keine juristische Klarheit. Fixierungen, Sedierungen oder Verlegungen bleiben eingriffsintensive Massnahmen mit rechtlichen und ethischen Anforderungen. ProDeMa hilft, sie seltener notwendig zu machen, es entlaesst Einrichtungen aber nicht aus der Pflicht, sie sauber zu begruenden und zu dokumentieren.
Drittens schuetzt der Ansatz nicht automatisch vor Uebergriffen des Personals gegen Patientinnen und Patienten. Gerade dort, wo Machtasymmetrie gross ist, kann Deeskalationssprache auch zur Kulisse werden. Wer ehrlich mit dem Thema arbeitet, kombiniert Training deshalb mit externem Beschwerdemanagement, Supervision und einer Fehlerkultur, in der Grenzueberschreitungen aus dem Team heraus ansprechbar sind.
Voraussetzungen fuer wirksame Umsetzung
Ein Wochenendkurs allein macht keine deeskalierende Station. Damit ProDeMa oder vergleichbare Ansaetze wirken, braucht es mehrere Ebenen. Aus Erfahrungsberichten aus Kliniken und Traegern lassen sich fuenf Faktoren verdichten.
- Verbindlichkeit auf Leitungsebene: Deeskalation ist Chefsache und Bestandteil der Gefaehrdungsbeurteilung, nicht Freizeitthema Einzelner.
- Regelmaessige Refresher: Einmalige Grundkurse verlieren innerhalb weniger Monate an Wirkung.
- Multiprofessionelle Zusammensetzung: Pflege, aerztlicher Dienst, Sozialdienst und Empfang trainieren gemeinsam.
- Nachbesprechung als Standard: Jeder relevante Vorfall bekommt eine strukturierte Debriefing-Einheit, unabhaengig davon, ob es Verletzte gab.
- Integriertes Meldewesen: Uebergriffe werden erfasst, ausgewertet und in Bau, Dienstplan und Fortbildung zurueckgespielt.
Ohne diese Rahmenbedingungen bleibt ein Deeskalationskonzept Papier. Mit ihnen kann es Kultur werden.
Einordnung fuer die Kampagne
Deeskalationstraining nach ProDeMa ist kein Wundermittel, aber ein gut belegter Baustein einer Strategie, die Gewalt im Gesundheitswesen ernst nimmt, ohne sie zu skandalisieren. Der Ansatz macht sichtbar, dass Gewalt zwei Richtungen hat und dass beide Richtungen dieselben Ursachen teilen: Ueberforderung, Entwuerdigung, fehlende Zeit, undurchsichtige Ablaeufe. Wer diese Ursachen benennt und Teams befaehigt, in ihnen professionell zu handeln, arbeitet an einer Versorgung, in der Sicherheit und Wuerde nicht gegeneinander ausgespielt werden. Genau darum geht es in dieser Reihe.