Wenn in einer Notaufnahme die Stimme steigt oder in einer geschlossenen Station der Griff nach dem Tisch wandert, entscheiden Sekunden. Kliniken in Deutschland setzen deshalb seit rund zwei Jahrzehnten auf strukturierte Deeskalationskonzepte. Eines der bekanntesten ist das Professionelle Deeskalationsmanagement, kurz ProDeMa. Dieser Beitrag ordnet ein, was das Konzept leistet, wo seine Grenzen liegen und wie es sich in eine Gesamtstrategie gegen Gewalt im Gesundheitswesen einfügt.
Woher ProDeMa kommt und was es sein will
ProDeMa wurde 2002 von Ralf Wesuls, Thomas Heinzmann und Ludger Brinker gemeinsam mit der Unfallkasse Baden-Württemberg entwickelt. 2003 begann in Baden-Württemberg die erste Ausbildung von Deeskalationstrainerinnen und Deeskalationstrainern, 2006 die Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Heute wird das Konzept über das Institut für Professionelles Deeskalationsmanagement verbreitet, unter anderem in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und der Behindertenhilfe. So beschreibt es eine Präsentation des Instituts, die die BGW veröffentlicht hat. Im Unterschied zu klassischen Sicherheitsdienstschulungen stellt der Ansatz Verstehen und Kommunikation in den Vordergrund und liest aggressives Verhalten unter anderem als Kommunikationsversuch.
Der Kern: Aggression wird nicht als Charaktereigenschaft, sondern als Reaktion auf ein wahrgenommenes Missverhältnis gelesen. Angst, Schmerz, Kontrollverlust, Erniedrigung oder eine akute psychische Krise können dieses Missverhältnis auslösen. Wer diese Auslöser versteht, kann früher intervenieren, ohne die Situation weiter zu befeuern.
Das macht ProDeMa auch politisch bemerkenswert. Der Ansatz nimmt Personal und Patientinnen und Patienten gleichermaßen in den Blick. Beide Seiten können in einer Klinik Grenzen überschreiten, beide können verletzt werden. Deeskalation ist damit nicht nur Arbeitsschutz, sondern auch ein Beitrag zu einer weniger übergriffigen Versorgung.
Die sieben Deeskalationsstufen als Herzstück
Bekannt geworden ist ProDeMa vor allem durch sein Stufenmodell. Der Praxisleitfaden der Unfallkasse Baden-Württemberg in der Auflage von 2005 unterschied sechs Deeskalationsstufen. In der heutigen Darstellung des Instituts sind es sieben, angeordnet als Kreismodell. Die Stufen beschreiben Ebenen, auf denen Einrichtungen ansetzen können, bevor körperliche Interventionen überhaupt in Betracht kommen.
- Stufe 1, Verhinderung: die Entstehung von Gewalt und Aggression verhindern oder vermindern, etwa durch Regeln und Abläufe, Raumgestaltung, Wartezeiten und Personalschlüssel.
- Stufe 2, veränderte Sichtweisen: Sichtweisen und Interpretationen aggressiver Verhaltensweisen verändern und die eigenen Reaktionsmuster reflektieren.
- Stufe 3, Verständnis: Ursachen und Beweggründe aggressiver Verhaltensweisen verstehen.
- Stufe 4, kommunikative Deeskalation: Gesprächstechniken im direkten Umgang mit hochgespannten Menschen; Sprache, Körperhaltung, Nähe und Distanz bewusst einsetzen.
- Stufe 5, Abwehr und Flucht: schonende Vermeidungs-, Abwehr-, Löse- und Fluchttechniken bei Übergriffen.
- Stufe 6, Halten und Immobilisieren: verletzungsfreie Begleit-, Halte- und Immobilisationstechniken. Im Leitfaden von 2005 hieß diese Stufe „Patientenschonende Immobilisations- und Fixierungstechniken”.
- Stufe 7, Nachsorge: kollegiale Erstbetreuung und Nachbearbeitung von Vorfällen.
Wichtig ist die Reihenfolge. Die körperlichen Stufen stehen bewusst weit hinten; sie kommen erst in Betracht, wenn die vorangehenden Ebenen nicht ausreichen. Diese Rangfolge unterscheidet ProDeMa deutlich von rein sicherheitsdienstlich geprägten Trainings. Wie sich ProDeMa neben dem Assault Cycle und dem Aachener Modell einordnet, zeigt unser Überblick über die Deeskalationsstufen im Gesundheitswesen.
Wo der Ansatz stark ist
ProDeMa wird vor allem dort eingesetzt, wo Aggression regelmäßig auftritt: Psychiatrie, Gerontopsychiatrie, Behindertenhilfe, Notaufnahmen, Kinder- und Jugendpsychiatrie. Strukturierte Deeskalationskonzepte gehören in diesen Bereichen zum Arbeitsschutz, weil das Personal dort besonders häufig verbalen und körperlichen Übergriffen ausgesetzt ist.
Der Ansatz hat drei praktische Stärken. Erstens ist er teamorientiert. Er trainiert nicht Einzelheldinnen, sondern Stationen. Zweitens ist er anschlussfähig an bestehende Konzepte wie Recovery, trauma-informierte Versorgung oder Fixierungsvermeidung, weil er Machtasymmetrien mitdenkt. Drittens liefert er ein gemeinsames Vokabular. Wenn Pflege, Ärztinnen und Ärzte und Sozialdienst dieselben Stufen benennen, wird die Nachbesprechung nach einem Vorfall schneller belastbar.
Deeskalation beginnt nicht am Griff, sondern am Dienstplan.
Mit einem strukturierten Konzept kann sich auch das Meldeverhalten verändern: Vorfälle werden möglicherweise häufiger dokumentiert, weil Teams eine gemeinsame Sprache dafür haben. Mehr Meldungen bedeuten dann nicht zwingend, dass sich die Lage verschlechtert hat.
Was ProDeMa nicht leisten kann
So ausgereift der Ansatz ist, er bleibt ein Werkzeug. Er kann strukturelle Ursachen benennen, aber nicht selbst beheben. Chronische Unterbesetzung, Doppelbelegungen, lange Wartezeiten in der Notaufnahme oder fehlende Rückzugsräume sind Treiber von Enthemmung. Kein Training gleicht einen Personalschlüssel aus, der Deeskalation strukturell unmöglich macht. Prävention ohne verlässliche Personalausstattung bleibt eine Fassade.
Zweitens ersetzt Deeskalation keine juristische Klarheit. Fixierungen, Sedierungen oder Verlegungen bleiben eingriffsintensive Maßnahmen mit rechtlichen und ethischen Anforderungen. ProDeMa kann helfen, sie seltener notwendig zu machen, es entlässt Einrichtungen aber nicht aus der Pflicht, sie sauber zu begründen und zu dokumentieren.
Drittens schützt der Ansatz nicht automatisch vor Übergriffen des Personals gegen Patientinnen und Patienten. Gerade dort, wo Machtasymmetrie groß ist, kann Deeskalationssprache auch zur Kulisse werden. Wer ehrlich mit dem Thema arbeitet, kombiniert Training deshalb mit externem Beschwerdemanagement, Supervision und einer Fehlerkultur, in der Grenzüberschreitungen aus dem Team heraus ansprechbar sind.
Voraussetzungen für wirksame Umsetzung
Ein Wochenendkurs allein macht keine deeskalierende Station. Damit ProDeMa oder vergleichbare Ansätze wirken können, braucht es mehrere Ebenen. Fünf Faktoren liegen nahe.
- Verbindlichkeit auf Leitungsebene: Deeskalation ist Chefsache und Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung, nicht Freizeitthema Einzelner.
- Regelmäßige Refresher: Einmalige Grundkurse reichen selten aus, Fertigkeiten müssen aufgefrischt werden.
- Multiprofessionelle Zusammensetzung: Pflege, ärztlicher Dienst, Sozialdienst und Empfang trainieren gemeinsam.
- Nachbesprechung als Standard: Jeder relevante Vorfall bekommt eine strukturierte Debriefing-Einheit, unabhängig davon, ob es Verletzte gab.
- Integriertes Meldewesen: Übergriffe werden erfasst, ausgewertet und in Bau, Dienstplan und Fortbildung zurückgespielt.
Ohne diese Rahmenbedingungen bleibt ein Deeskalationskonzept Papier. Mit ihnen kann es Kultur werden.
Einordnung für die Kampagne
Deeskalationstraining nach ProDeMa ist kein Wundermittel, aber ein verbreiteter Baustein einer Strategie, die Gewalt im Gesundheitswesen ernst nimmt, ohne sie zu skandalisieren. Der Ansatz macht sichtbar, dass Gewalt zwei Richtungen hat und dass beide Richtungen dieselben Ursachen teilen: Überforderung, Entwürdigung, fehlende Zeit, undurchsichtige Abläufe. Wer diese Ursachen benennt und Teams befähigt, in ihnen professionell zu handeln, arbeitet an einer Versorgung, in der Sicherheit und Würde nicht gegeneinander ausgespielt werden. Genau darum geht es in dieser Reihe.
Alle Grundlagen, Methoden und Trainingswege bündelt unsere Themenseite Deeskalation im Gesundheitswesen.
Quellen
- BGW: Oliver Klostermann, Professionelles Deeskalationsmanagement im Gesundheits- und Sozialwesen, Präsentation des Instituts für Professionelles Deeskalationsmanagement, 2024
- Unfallkasse Baden-Württemberg: Ralf Wesuls, Thomas Heinzmann, Ludger Brinker, Professionelles Deeskalationsmanagement (ProDeMa), Praxisleitfaden, 4. Auflage 2005