Nach einem gewalttätigen Übergriff in der Notaufnahme, einer erfolglosen Reanimation im Kreißsaal oder einem Einsatz mit sterbenden Kindern läuft die Schicht weiter. Die Pflegekraft übernimmt den nächsten Patienten, die Notärztin fährt zum nächsten Einsatz. Was in diesen Minuten und Stunden danach passiert, entscheidet mit darüber, ob aus einer akuten Belastung eine chronische Verletzung wird. PSU-Akut, die Psychosoziale Unterstützung von Einsatzkräften, setzt genau hier an.
Was PSU-Akut leistet und was nicht
PSU-Akut ist kein Therapieersatz. Es ist ein niedrigschwelliges, kollegiales Angebot der ersten Stunden und Tage nach einem hochbelastenden Ereignis. Ziel ist es, akute Stressreaktionen einzuordnen, den Selbstheilungsprozess zu unterstützen und den Übergang in professionelle Hilfe zu erleichtern, wenn er nötig wird. Grundlage sind bundesweit anerkannte Standards, unter anderem des Bundesverbands PSU-Akut e. V., der DGUV und der Berufsfeuerwehren.
Die Idee ist einfach: Wer selbst im System arbeitet, kennt die Sprache, die Abläufe, die Belastungsgrenzen. Ein Peer, ausgebildet in Gesprächsführung und Krisenintervention, ist erreichbar, wenn eine Kollegin nach einem Übergriff die Umkleide nicht mehr verlassen mag. Er hört zu, ordnet ein, gibt Orientierung. Er drängt nicht zu Diagnosen und verspricht keine Heilung. Er hält den Raum.
Wichtig ist die Abgrenzung zum klassischen Debriefing im engeren Sinn. Die Forschung ist an dieser Stelle nüchtern geworden: Strukturiertes Zwangs-Debriefing kurz nach dem Ereignis kann schaden statt helfen. PSU-Akut arbeitet deshalb freiwillig, bedarfsorientiert und mit klaren Grenzen zur Psychotherapie.
Wann PSU gebraucht wird
Die Auslöser sind vielfältig. In deutschen Kliniken berichten Beschäftigte laut BGW-Erhebungen regelmäßig von verbaler und körperlicher Gewalt, besonders in Notaufnahmen, in der Psychiatrie und in der Altenpflege. Hinzu kommen Ereignisse, die zum Beruf gehören und trotzdem tief einschneiden.
- Übergriffe durch Patientinnen und Patienten oder Angehörige, mit oder ohne Waffe
- Reanimationen an Kindern, Suiziden, Kolleginnen und Kollegen
- Massenanfall von Verletzten, schwere Verkehrsunfälle, Brände
- Konfrontation mit Kindeswohlgefährdung oder häuslicher Gewalt
- Fehler- und Beinahefehler-Ereignisse mit Patientinnen und Patientenschaden
- Tod von Kolleginnen und Kollegen im Dienst
- Wiederholte, kumulative Belastungen über eine Schicht oder Woche hinweg
Nicht jedes dieser Ereignisse führt zu einer psychischen Verletzung. Aber jedes verdient eine Struktur, die im Ernstfall trägt, statt improvisiert zu werden.
Wie ein tragfähiges System aussieht
Ein funktionierendes PSU-Konzept beginnt vor dem Ereignis. Es braucht ausgebildete Peers aus dem eigenen Haus, klare Alarmierungswege rund um die Uhr, geschützte Räume für Gespräche und eine Leitung, die das Thema mit Budget und Dienstplan unterstützt. In der Realität scheitert es oft an diesen Grundlagen: Peers werden benannt, aber nicht geschult; Nummern hängen aus, sind aber nachts nicht besetzt; ein Rückzugsraum existiert auf dem Papier, ist aber mit Materiallager belegt.
“Ich brauchte keinen Therapeuten, ich brauchte jemanden, der weiß, wie sich diese Nacht angefühlt hat. Zwanzig Minuten haben gereicht, um wieder gehen zu können.”
Der zweite Baustein ist die Kultur. Wenn nach einem Übergriff die erste Frage der Führungskraft lautet, ob die Dokumentation vollständig sei, bleibt der Peer-Kontakt ungenutzt. Wenn Führungskräfte selbst Angebote annehmen und darüber sprechen, verändert sich die Schwelle. Anzeigen bei körperlicher Gewalt sind kein Zeichen von Überempfindlichkeit, sondern Teil der Fürsorge, die eine Klinik ihren Beschäftigten schuldet.
Der dritte Baustein ist die saubere Übergabe an weitergehende Hilfen. PSU-Akut endet dort, wo Traumafolgestörungen beginnen. Kliniken brauchen deshalb Kontakte in die vertragspsychotherapeutische Versorgung, zu Traumaambulanzen und zu den psychosozialen Diensten der Unfallversicherungsträger. Die DGUV übernimmt bei anerkannten Ereignissen die Kosten für Erstgespräche und weitergehende Behandlung, wenn ein Zusammenhang mit der Tätigkeit besteht.
Was das mit Gewaltprävention zu tun hat
Gewalt in Gesundheitsberufen wirkt in zwei Richtungen. Beschäftigte werden zu Betroffenen, wenn sie geschlagen, bedroht oder bespuckt werden. Und Beschäftigte können in Situationen kommen, in denen sie selbst Grenzen überschreiten, weil Erschöpfung, Personalmangel und Ohnmacht die Kontrolle aufweichen. Beide Richtungen speisen sich aus demselben Nährboden: Überforderung, dünne Besetzung, fehlende Führung, keine Nachsorge.
PSU-Akut ist deshalb mehr als ein Angebot für Betroffene nach dem Ereignis. Es ist ein Frühwarnsystem. Peers hören, wenn Teams ausbrennen, wenn Zynismus zunimmt, wenn eine Station kippt. Wenn diese Informationen ankommen und ernst genommen werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Enthemmung im Team festsetzt und in Übergriffe gegen Patientinnen und Patienten umschlägt. Fürsorge für das Personal und Schutz der Patientinnen und Patienten sind hier keine getrennten Themen.
Konkrete nächste Schritte für Einrichtungen
Wer in der eigenen Einrichtung anfangen möchte, muss nicht bei null starten. Vieles ist vorhanden, es fehlt an Verknüpfung und Sichtbarkeit.
- Bestandsaufnahme: Wer ist heute Ansprechperson nach belastenden Ereignissen? Ist das im Intranet, auf den Stationen, in der Rufbereitschaft klar?
- Ausbildung: Peers nach anerkannten Curricula qualifizieren, zum Beispiel über den Bundesverband PSU-Akut oder Angebote der Landesfeuerwehrschulen, der Malteser oder Johanniter.
- Verbindliche Prozesse: Was passiert in Stunde eins, in Tag eins, in Woche eins nach einem Übergriff oder einem schweren Einsatz? Wer informiert, wer entlastet vom Dienst, wer meldet der Unfallversicherung?
- Dokumentation ohne Rechtfertigungsdruck: Ein Meldesystem, das Beschäftigte schützt, statt sie zu verhören.
- Führung: Regelmäßige Übungen, in denen auch der psychosoziale Teil geprobt wird, nicht nur die medizinische Versorgung.
Die Instrumente sind vorhanden. Die BGW stellt Handlungshilfen und Seminare bereit, die DGUV finanziert bei anerkannten Fällen Traumaerstgespräche, Fachgesellschaften wie DIVI und DKG geben Empfehlungen heraus. Was fehlt, ist häufig die politische Entscheidung im Haus, das Thema aus dem Rand ins Zentrum zu holen.
Zurück in den Alltag
Am Ende einer Schicht mit einem schweren Ereignis geht jemand nach Hause. Ob diese Person am nächsten Tag wieder arbeiten kann, in zwei Wochen noch schläft und in einem Jahr noch im Beruf ist, hängt an vielen Faktoren. PSU-Akut ist einer davon, und es ist einer, den Kliniken, Rettungsdienste und ambulante Träger selbst gestalten können. Ein Gesundheitswesen ohne Gewalt braucht Beschäftigte, die belastet und dennoch handlungsfähig bleiben dürfen, weil das System sie hält, wenn eine Situation sie kurz aus der Bahn wirft.