Der häufigste Einwand gegen Deeskalationstraining in einer Arztpraxis lautet nicht, dass es nichts bringt. Er lautet, dass Zeit und Geld fehlen. Ein externer Trainer kostet einen Tagessatz, für die Schulung muss die Praxis schließen, und erstattet wird davon nichts.
Seit März 2025 gibt es darauf eine Antwort, die kaum jemand kennt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat ein vollständiges Qualitätszirkel-Modul zum Thema veröffentlicht, mit dem Titel „Prävention von Bedrohungen und Gewalt sowie Deeskalation in der Praxis”. Es liegt fertig vor und kostet nichts.
Was in dem Paket steckt
Das Modul umfasst ein Handbuch für Moderierende auf 26 Seiten, eine Einführungspräsentation, eine zweite Präsentation mit sechs Fallbeispielen und einen Muster-Feedbackbogen. In den ergänzenden Materialien liegen die neun Stufen der Konflikteskalation nach Friedrich Glasl, der ProDeMa-Leitfaden der Unfallkasse Baden-Württemberg und die Grundprinzipien der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg.
Vorgesehen sind zwei Sitzungen zu je zwei Stunden. In der ersten geht es um die Entstehung bedrohlicher Situationen und um strukturelle Prävention, in der zweiten um eigene Fälle der Teilnehmenden, um Simulationsübungen und um die Frage, wie das Gelernte ins Praxisteam kommt. Geschrieben haben es ein psychologischer Psychotherapeut, ein freiberuflicher Deeskalationstrainer und eine Sozialwissenschaftlerin der Landesärztekammer Hessen.
Der praktische Hebel liegt im Format. Qualitätszirkel bestehen aus 5 bis 20 Teilnehmenden, werden von eigens geschulten Kolleginnen und Kollegen moderiert und laufen über die jeweilige Kassenärztliche Vereinigung. Die Teilnahme bringt Fortbildungspunkte, die auf die 250 Punkte angerechnet werden, die Vertragsärztinnen, Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten innerhalb von fünf Jahren nachweisen müssen. Wer Prävention über diesen Weg organisiert, erfüllt damit eine Pflicht, die ohnehin besteht.
Der inhaltliche Kern
Theoretisch stützt sich das Modul auf die interaktionelle Gewaltforschung von Randall Collins. Der Kerngedanke lautet, dass jemand vor einer Bedrohung erst eine innere Konfrontationsscheu überwinden muss und Eskalation deshalb in Stufen verläuft. Auf der ersten schweigt meist eine Seite, auf der zweiten entsteht ein wütendes Gespräch, auf der dritten bilden sich Drohgebärden heraus. Wie sich das zu anderen Stufenmodellen verhält, haben wir an anderer Stelle beschrieben.
Für Stufe 2 gilt die schlichte Regel, die eigene Position in ruhiger Stimme immer wieder zu variieren und die Intensität nicht mitzugehen. Für Stufe 3 empfiehlt das Modul das Entscheidungstableau, also zwei Optionen laut auszusprechen: „Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Sie können hier weiter bedrohlich auftreten, dann zwingen Sie uns, die Polizei zu rufen. Oder aber Sie setzen sich wieder und vertrauen auf uns.”
Wird jemand tätlich, braucht das Team verabredete Hilfesignale, ein Codewort etwa oder einen Signalknopf zur Anmeldung. Dazu gehört ein Satz, der in vielen Praxen nicht selbstverständlich ist: Bei der Flucht aus den Räumen spielen Sachwerte und Datenschutz keine Rolle. Was unmittelbar danach zu tun ist, steht in unserem Beitrag zu den Sofortmaßnahmen nach einem tätlichen Angriff.
Wer bei alldem nicht im Raum sitzt
Qualitätszirkel sind ein Instrument der vertragsärztlichen Qualitätsförderung. Teilnehmen können Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeuten, nicht die Medizinischen Fachangestellten.
Das Modul kennt diese Lücke. Der letzte Programmpunkt der zweiten Sitzung dauert 30 Minuten und heißt Praxistransfer. Dort sollen die Teilnehmenden überlegen, wie das Thema mit dem eigenen Team besprochen und wie die Mitarbeitenden geschult werden können. Inhaltlich richten sich ganze Passagen ausdrücklich an die MFA, etwa die Empfehlung, Beleidigungen zeitnah zu dokumentieren und den eigenen Spielraum bei der Terminvergabe zu nutzen.
Geübt wird all das im Zirkel jedoch von denen, die im Sprechzimmer sitzen, während die Eskalation meistens am Tresen beginnt. Ob die Inhalte dort ankommen, hängt an einer halben Stunde Vorsatz und daran, wie ernst eine Praxisinhaberin ihre Schulungspflicht nimmt.
Was uns an den Definitionen auffällt
Das Modul legt fest, was es unter Gewalt versteht, und diese Festlegung hat Folgen. Beleidigungen und Bedrohungen „können hoch-aggressiv sein, sind aber keine Gewalt”. Der Begriff der strukturellen Gewalt wird als „problematische Konzeption” zurückgewiesen. Und Gewalt könne im Einzelfall legitim sein, „zum Beispiel im Krieg, bei Polizeieinsätzen oder bei präzise umrissenen Maßnahmen im Gesundheitswesen wie der Zwangsernährung in der Jugendpsychiatrie oder der Zwangsmedikation in der forensischen Psychiatrie”.
Wir sagen, wie wir das lesen. Damit fällt genau die Richtung aus der Definition heraus, um die es auf dieser Seite ebenfalls geht, nämlich Gewalt, die Patientinnen und Patienten in der Versorgung erleben. Was Zwangsmaßnahmen rechtlich voraussetzen, ist eng geregelt, und das Bundesverfassungsgericht hat die Anforderungen an eine Fixierung deutlich benannt. Eine Handreichung, die solche Eingriffe in einem Nebensatz als legitime Gewalt führt, macht es Praxen nicht leichter, die eigene Rolle darin zu sehen. In dieselbe Richtung geht die Empfehlung, Menschen mit bekanntem Drogenkonsum oder psychischen Auffälligkeiten vorsorglich getrennt vom Wartezimmer unterzubringen.
Fair ist dabei festzuhalten, dass das Modul mehr Selbstprüfung verlangt als vergleichbare Papiere. Es fordert Praxen ausdrücklich auf, die eigenen verbalen und nonverbalen Signale zu prüfen, und es führt unter den Beispielen für Stufe 1 auch Sätze von Behandelnden auf, etwa „Dann sollten Sie jetzt zu einem anderen Arzt gehen!”. Wer Eskalation in beide Richtungen beschreibt, nimmt sich selbst mit in den Blick.
Häufige Fragen
Was kostet das Qualitätszirkel-Modul der KBV?
Nichts. Handbuch, Präsentationen und Begleitmaterialien stehen unter kbv.de/qz zum Download bereit. Die KBV stellt insgesamt mehr als 40 solcher Module bereit, eines davon zu Bedrohung und Deeskalation.
Können Medizinische Fachangestellte an einem Qualitätszirkel teilnehmen?
In der Regel nicht. Qualitätszirkel richten sich an Vertragsärztinnen, Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten. Das Modul sieht vor, dass die Teilnehmenden die Inhalte anschließend in ihr Praxisteam tragen. Eine Schulung des gesamten Teams ersetzt es nicht.
Ersetzt das Modul ein Deeskalationstraining?
Nein. Es sensibilisiert, vermittelt Techniken und lässt sie in Simulationen üben. Körperliche Abwehrtechniken, regelmäßige Wiederholung und die betriebliche Seite bleiben außen vor. Die Gefährdungsbeurteilung und die daraus folgenden Schutzmaßnahmen schuldet der Arbeitgeber unabhängig davon.
Quellen
- Kassenärztliche Bundesvereinigung: Qualitätszirkelmodul „Prävention von Bedrohungen und Gewalt sowie Deeskalation in der Praxis”, Modul für Moderierende, Stand März 2025.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung: Themenseite „Gewalt in Praxen vorbeugen”, Aktualisierungsdatum 5. Mai 2026.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung: Themenseite „Fortbildung”, Angaben zu Qualitätszirkeln und zur Fortbildungspflicht, abgerufen am 18. September 2026.
- Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 24. Juli 2018, 2 BvR 309/15 und 2 BvR 502/16, zu den Anforderungen an eine Fixierung.