Gewalt im Gesundheitswesen ist kein einheitliches Phänomen. Sie tritt in verschiedenen Formen auf, reicht von subtiler psychischer Belastung bis hin zu schweren körperlichen Übergriffen. Um wirksam gegensteuern zu können, ist es wichtig, die verschiedenen Gewaltformen zu kennen und zu verstehen. Dieser Beitrag gibt einen strukturierten Überblick.

1. Verbale Gewalt: Die häufigste Form

Verbale Gewalt ist die am weitesten verbreitete Gewaltform im Gesundheitswesen. Dazu zählen:

  • Beschimpfungen und Beleidigungen
  • Bedrohungen und Einschüchterungen
  • Rassistische, sexistische oder diskriminierende Aussagen
  • Lautstarkes Anschreien
  • Abwertende Kommentare über die berufliche Kompetenz

Obwohl verbale Gewalt keine sichtbaren Verletzungen hinterlässt, ist ihre psychische Wirkung erheblich. Betroffene berichten von anhaltendem Stress, Schlafstörungen, dem Verlust des Vertrauens in die eigene Arbeit und dem Wunsch, den Pflegeberuf zu verlassen.

2. Körperliche Gewalt: Unmittelbare physische Bedrohung

Körperliche Übergriffe reichen von leichten bis zu schwerwiegenden Verletzungen. Typische Formen sind:

  • Schlagen und Stoßen: Gezielte oder unkontrollierte körperliche Angriffe
  • Beißen und Kratzen: Besonders häufig bei Demenzkranken oder Patienten im Delir
  • Anspucken: Besonders demütigend und mit Risiko der Übertragung von Krankheitserregern
  • Werfen von Gegenständen: Vom Essenstablett bis zu medizinischen Geräten
  • Treten: Häufig bei der Pflege bettlägeriger Patientinnen und Patienten

Körperliche Übergriffe können zu Verletzungen führen, die eine eigene Krankschreibung notwendig machen. In schweren Fällen kommt es zu Knochenbrüchen, Bisswunden oder Prellungen, die langfristige medizinische Behandlung erfordern.

3. Psychische Gewalt: Subtil, aber tiefgreifend

Psychische Gewalt ist schwerer zu definieren und zu erfassen, kann aber ebenso schädlich sein. Darunter fallen:

  • Anhaltende Einschüchterung und Drohungen
  • Kontrollierende oder manipulative Verhaltensweisen
  • Gaslighting (das Leugnen oder Verdrehen von Tatsachen)
  • Wiederholte demütigende Kommentare
  • Mobbing durch Patientenangehörige oder sogar durch Kollegen und Vorgesetzte

4. Sexuelle Belästigung: Ein tabuisiertes Problem

Sexuelle Belästigung von Pflegepersonal durch Patientinnen, Patienten oder deren Angehörige ist ein häufig verschwiegenes Thema. Betroffene, überwiegend Frauen, berichten von unangemessenen Berührungen, sexuellen Kommentaren und exhibitionistischem Verhalten. Scham und Angst vor Konsequenzen führen dazu, dass viele Vorfälle nicht gemeldet werden.

Wichtig zu wissen: Sexuelle Belästigung ist eine Straftat und muss nicht als „Teil des Jobs” hingenommen werden. Einrichtungen sind verpflichtet, Schutzmaßnahmen zu ergreifen und Betroffene zu unterstützen.

5. Rassistische Gewalt: Diskriminierung im Pflegealltag

Pflegekräfte mit Migrationshintergrund oder nicht-weißem Aussehen sind besonders häufig Ziel von rassistischen Übergriffen. Diese können verbaler Natur sein, aber auch in der Verweigerung der Behandlung durch Patientinnen bestehen, die „nur von deutschem Personal” betreut werden wollen. Solche Fälle stellen Einrichtungen vor ethische und rechtliche Herausforderungen.

6. Gewalt durch Kollegen und Vorgesetzte: Innerbetriebliche Gewalt

Nicht alle Gewalt im Gesundheitswesen kommt von außen. Mobbing, Schikanierung und Machtmissbrauch durch Vorgesetzte oder Kollegen ist ein ernstes, strukturelles Problem. Hierarchische Strukturen in Kliniken begünstigen Machtgefälle, die Übergriffe ermöglichen. Betroffene befinden sich oft in einer schwachen Position und scheuen sich aus Angst vor beruflichen Konsequenzen, Fälle zu melden.

Fazit: Alle Formen ernst nehmen

Ob verbal, körperlich, psychisch oder sexuell, alle Formen von Gewalt hinterlassen Spuren und sind nicht hinnehmbar. Eine klare Benennung und Kategorisierung ist der erste Schritt, um das Ausmaß zu erfassen und gezielte Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

In den weiteren Beiträgen dieser Serie erfahren Sie, welche konkreten Schutzmaßnahmen möglich sind und welche rechtlichen Mittel Betroffene haben.

Antworten auf häufige Fragen zur Gewalt im Gesundheitswesen finden Sie in den FAQ.