Physio- und Ergotherapie leben von Nähe. Behandlung findet am halbentkleideten Körper statt, oft in kleinen Räumen, oft eins zu eins. Genau diese Konstellation macht die therapeutische Arbeit wirksam, und sie macht sie verletzlich. Übergriffe geschehen hier in beide Richtungen: gegen Therapeutinnen und Therapeuten und gegen Patientinnen und Patienten. Und sie geschehen häufiger, als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt.

Was in der Praxis wirklich passiert

Übergriffe in ambulanten Therapien sind selten das, was in Schlagzeilen taugt. Sie sind alltäglich, niedrigschwellig und deshalb schwer greifbar. Berufsverbände wie der Deutsche Verband für Physiotherapie und der Deutsche Verband der Ergotherapeuten berichten seit Jahren von einer wachsenden Zahl an Meldungen. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ordnet Gewalt am Arbeitsplatz inzwischen als eigenständigen Belastungsfaktor ein, auch in Heilmittelpraxen.

Die Spannbreite ist groß. Sie reicht von verbaler Entgleisung bis zu klar strafrechtlich relevantem Verhalten:

  • anzügliche Bemerkungen während Griffen am Rumpf, Becken oder Oberschenkel
  • absichtliches Berühren, Festhalten oder Heranziehen der behandelnden Person
  • Beleidigungen, rassistische oder sexistische Ansprache
  • Drohungen, insbesondere in Verordnungs- oder Rezeptkonflikten
  • körperliche Übergriffe von Patientinnen und Patienten mit dementieller Erkrankung oder Impulskontrollstörungen
  • unangemessene Kontaktversuche außerhalb der Therapie (Nachrichten, Anrufe, Wartezimmer-”Zufälle”)

Umgekehrt existiert eine zweite, seltener benannte Seite: Grenzverletzungen durch behandelnde Ärztinnen und Ärzte selbst. Griffe, die nicht erklärt wurden. Entkleidung, die weiter ging als nötig. Kommentare über Körper, Gewicht oder Narben. Schmerzhafte Techniken ohne Rückversicherung. Auch das sind Übergriffe, und Patientinnen und Patienten erleben sie oft, ohne Worte dafür zu haben.

Wie groß ist das Ausmaß

Belastbare bundesweite Zahlen speziell zu Heilmittelpraxen sind rar. Große Erhebungen der BGW zu Gewalt am Arbeitsplatz beziehen sich stärker auf Kliniken, Rettungsdienst und Pflegeeinrichtungen. In diesen Untersuchungen berichten sehr hohe Anteile der Befragten von verbalen Übergriffen im Berufsalltag, ein erheblicher Teil auch von körperlichen. Die Übertragbarkeit auf die ambulante Therapie ist unvollkommen, aber die Richtung ist eindeutig.

Aus Fachverbänden, Berufsschulen und Aufsichtsstrukturen zeichnen sich mehrere Muster ab. Weibliche Therapeutinnen und Therapeuten berichten häufiger von sexualisierten Übergriffen. Männliche Therapeutinnen und Therapeuten berichten häufiger von körperlicher Aggression, insbesondere in Hausbesuchen und in Praxen mit dementieller oder neurologischer Klientel. Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger erleben Übergriffe zahlenmäßig häufiger und melden sie zugleich seltener. Solo-Selbstständige und kleine Praxen ohne Chefin oder Chef vor Ort sind besonders exponiert.

Die Dunkelziffer ist die eigentliche Größe. Vieles wird nicht dokumentiert, weil es “nur” ein Kommentar war. Vieles wird nicht gemeldet, weil die Angst besteht, als überempfindlich zu gelten oder Klientel zu verlieren. Und vieles verschwindet in dem Satz, den viele Therapeutinnen und Therapeuten kennen: “Ach, das gehört halt dazu.”

Es gehört nicht dazu. Es ist nur oft passiert.

Warum es gerade hier passiert

Die therapeutische Situation kombiniert mehrere Faktoren, die Übergriffe wahrscheinlicher machen. Keiner davon rechtfertigt etwas. Aber jeder erklärt, warum Prävention hier eigene Antworten braucht.

Zum einen die Körpernähe. Manuelle Techniken, passive Bewegung, Lagerung, sensorische Reize, Berührung ist Arbeitsmittel, nicht Ausnahme. Für Patientinnen und Patienten mit traumatischer Vorgeschichte kann das eine erhebliche Belastung sein, ohne dass es je zur Sprache kommt. Für behandelnde Ärztinnen und Ärzte bedeutet es, in kurzer Zeit Vertrauen aufbauen zu müssen, und in derselben Zeit auch Grenzen zu ziehen.

Zum anderen die Machtasymmetrie. Wer auf der Bank liegt, ist entkleidet, in ungewohnter Haltung, oft in Schmerz. Wer daneben steht, hat Fachwissen, Zugriff auf den Körper und die Deutungshoheit über das, was “medizinisch notwendig” ist. Diese Asymmetrie kann in beide Richtungen missbraucht werden, durch fordernde, sexualisierende oder aggressive Patientinnen und Patienten und durch behandelnde Ärztinnen und Ärzte, die ihre Rolle nicht reflektieren.

Hinzu kommt der ökonomische Druck. Enge Taktung, Verordnungslogik, Wegzeiten bei Hausbesuchen, fehlende Vertretung, all das raubt die Zeit, die für saubere Aufklärung, Rückversicherung und Nachbesprechung nötig wäre. Wo Zeit fehlt, entstehen Missverständnisse. Wo Missverständnisse alltäglich werden, verlernt man, sie ernst zu nehmen.

Was Praxen jetzt konkret tun können

Prävention beginnt nicht mit Plakaten, sondern mit Sprache. Wer den Ablauf erklärt, bevor er beginnt, macht Übergriffe schwerer, beide Richtungen. Wer Rückversicherung zur Routine macht (“Ich lege jetzt die Hand hier auf, ist das in Ordnung?”), verschiebt die Norm im Raum.

Strukturell hilft eine kleine, aber verbindliche Grundordnung:

  • schriftliche Aufklärung über Ablauf, Berührungszonen und Alternativen
  • klare Regeln für Türen, Sichtschutz und Kleidungsvorgaben
  • interne Meldewege bei verbalen und körperlichen Übergriffen, ohne Schuldumkehr
  • Deeskalationstrainings, gerade für Praxen mit neurologischer oder geriatrischer Klientel
  • kollegiale Fallbesprechungen, in denen auch das eigene Handeln zur Sprache kommt
  • Konsequenzen bei wiederholten Grenzverletzungen durch Patientinnen und Patienten, bis hin zur Beendigung der Behandlung

Für Patientinnen und Patienten bedeutet Schutz vor allem eines: die Erlaubnis, “Stopp” zu sagen, ohne die Behandlung zu gefährden. Diese Erlaubnis entsteht nicht durch einen Aushang, sondern durch die Art, wie im Erstgespräch geredet wird.

Ein Berufsfeld, das über sich selbst reden muss

Physio- und Ergotherapie stehen gerade an einem Punkt, an dem viel gleichzeitig passiert: Akademisierung, Direktzugang, wachsende Verantwortung, mehr Sichtbarkeit. In diese Diskussion gehört die Frage nach Übergriffen und Grenzverletzungen hinein, nicht als Randnotiz, sondern als Teil professioneller Identität. Die BGW, die Fachverbände und die Ausbildungsstätten haben in den letzten Jahren erste Materialien und Handreichungen vorgelegt. Was fehlt, ist die selbstverständliche Verankerung in Ausbildung, Weiterbildung und Praxisalltag.

Gewalt im Gesundheitswesen ist kein Thema großer Kliniken allein. Sie beginnt in kleinen Räumen, zwischen zwei Menschen, oft ohne Zeuginnen und Zeugen. Wer Physio- und Ergotherapie ernst nimmt, muss auch das ernst nehmen, für die Menschen auf der Bank und für die, die daneben stehen.