Gewalt in Kliniken, Notaufnahmen und Arztpraxen kennt keine Landesgrenzen. Aber die Antworten darauf schon. Wer Präventionsansätze in der Schweiz und in Deutschland nebeneinander legt, sieht: Beide Länder ringen mit denselben Fragen, kommen aber über unterschiedliche Systeme, Traditionen und Trägerschaften zu unterschiedlichen Lösungen. Ein nüchterner Vergleich lohnt sich, weil er zeigt, wo Kliniken voneinander lernen können, ohne Konzepte eins zu eins zu kopieren.

Zwei Gesundheitssysteme, zwei Präventionslogiken

Deutschland und die Schweiz starten aus verschiedenen Ausgangslagen. Deutschland hat mit den Berufsgenossenschaften, insbesondere der BGW und der DGUV, eine starke, bundesweit organisierte Struktur für Arbeitssicherheit und Gewaltprävention. Deren Handlungshilfen, Schulungsangebote und Kampagnen wirken als gemeinsamer Referenzrahmen, an dem sich Träger, Kliniken und niedergelassene Praxen orientieren können. Prävention ist hier eng mit dem Arbeitsschutzrecht verzahnt.

In der Schweiz ist Prävention föderaler organisiert. Zuständigkeiten verteilen sich zwischen SUVA, Kantonen, Spitalverbänden und einzelnen Trägern. Das Ergebnis: mehr Vielfalt in den Konzepten, aber weniger bundesweite Vereinheitlichung. Große Universitätsspitäler entwickeln eigene Deeskalations- und Meldestandards, kleinere Häuser greifen darauf zurück oder passen sie an regionale Bedürfnisse an. Die Nähe zu Frankreich, Italien und Deutschland führt zusätzlich dazu, dass verschiedene Fachtraditionen einfließen.

Für die Gewaltprävention heißt das: Deutschland setzt stärker auf einen normierten Rahmen mit klaren Zuständigkeiten. Die Schweiz setzt stärker auf lokale Konzepte, die an die Kultur des jeweiligen Hauses angepasst sind. Beide Wege haben ihre Stärken. Beide haben Lücken.

Deeskalation und Schulung: Was in beiden Ländern trägt

Zieht man Trainingsformate und Schulungsinhalte nebeneinander, überwiegen die Gemeinsamkeiten. Dokumentierte Präventionsprogramme in beiden Ländern folgen erkennbar denselben Bausteinen, auch wenn sie unterschiedliche Namen tragen.

  • Deeskalationstrainings für Notaufnahme, Psychiatrie und Aufnahmebereiche als Basisqualifikation.
  • Simulationsübungen mit standardisierten Patientinnen und Patienten-Rollen, oft in Kooperation mit Hochschulen und Bildungsträgern.
  • Nachbereitung durch strukturierte Debriefings, kollegiale Beratung und, wo möglich, psychologische Unterstützung.
  • Schulungen für Führungskräfte, damit Meldewege nicht am Stationszimmer enden.
  • Regelmäßige Auffrischung, weil einmalige Trainings nachweislich verpuffen.

Der Unterschied liegt weniger in den Inhalten als in der Verankerung. In Deutschland referenzieren viele Häuser BGW-Handlungshilfen und DGUV-Empfehlungen. In der Schweiz ist die Bandbreite größer: Einige Spitäler arbeiten mit internationalen Curricula, andere mit eigenen Programmen, wieder andere kaufen extern ein. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zwischen den Ländern wechseln, kann das irritierend sein, weil identische Situationen mit unterschiedlichem Vokabular beschrieben werden.

Prävention wirkt in beiden Ländern dort am besten, wo sie nicht als Zusatzmodul, sondern als Teil der klinischen Routine verstanden wird. Wo Trainings Pflichtprogramm bleiben, aber nie in Dienstplänen abgebildet werden, verpufft der Effekt.

Meldewesen: Zahlen sichtbar machen, ohne Personal zu beschämen

Ein zentraler Unterschied zeigt sich im Meldewesen. Deutschland verfügt mit den CIRS-Systemen und den Statistiken der Unfallversicherungsträger über etablierte Erhebungswege für Arbeitsunfälle und Übergriffe. Zahlen zu Gewaltvorfällen im Gesundheitswesen werden regelmäßig veröffentlicht, unter anderem durch BGW, DGUV und Fachverbände. Trotzdem berichten viele Kliniken von einer erheblichen Untererfassung, weil verbale Übergriffe, Bedrohungen und Grenzverletzungen im Alltag oft nicht dokumentiert werden.

In der Schweiz existieren ebenfalls Meldesysteme, sind aber stärker haus- und kantonsspezifisch. Nationale Vergleichszahlen sind schwerer zu bekommen. Zugleich berichten Spitäler von ähnlichen Mustern: viele Vorfälle, wenig Meldungen, hohe Belastung insbesondere in Notaufnahmen und in der Alterspsychiatrie.

Beide Länder stehen damit vor derselben Aufgabe: Melden muss einfach, schnell und konsequenzenarm für Meldende sein. Solange Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befürchten, für Meldungen persönlich verantwortlich gemacht zu werden, bleibt jede Statistik verzerrt.

Prävention beginnt nicht mit dem nächsten Training, sondern mit dem ersten Meldebogen, den niemand als Schuldeingeständnis liest.

Der blinde Fleck: Gewalt gegen Patientinnen und Patienten

In der öffentlichen Debatte beider Länder dominiert die Perspektive auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ist berechtigt, aber unvollständig. Gewalt im Gesundheitswesen hat zwei Richtungen. Sie richtet sich gegen Personal und sie richtet sich gegen Patientinnen und Patienten. Fixierungen ohne belastbare Indikation, ruppige Sprache in der Grundpflege, Ignorieren von Schmerzsignalen bei kognitiv eingeschränkten Menschen: All das ist ebenfalls Gewalt, und all das taucht in klassischen Vorfallstatistiken selten auf.

Die Schweiz hat in den letzten Jahren, insbesondere in der Alters- und Langzeitpflege, verstärkt Konzepte zu Machtungleichgewichten und stiller Gewalt entwickelt. In Deutschland setzen einzelne Träger, Fachgesellschaften und die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen ähnliche Impulse. Beide Länder stehen aber vor derselben Herausforderung: Wie erfassen und verhindern wir Übergriffe, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen?

Ein Vergleich der Präventionsansätze wird erst dann vollständig, wenn er beide Richtungen einbezieht. Nur so bleibt der Blick auf das eigentliche Problem gerichtet, ohne einzelne Berufsgruppen oder Patientinnen und Patientengruppen pauschal zu adressieren. Der Gegner ist nicht die eine oder die andere Seite. Der Gegner ist Enthemmung, Überforderung und struktureller Druck, der Übergriffe wahrscheinlicher macht.

Was Kliniken voneinander lernen können

Aus dem Vergleich lassen sich einige nüchterne Beobachtungen ableiten, die weder das eine noch das andere System als überlegen darstellen.

  • Ein einheitlicher Rahmen wie in Deutschland erleichtert die Vergleichbarkeit, ersetzt aber keine gelebte Umsetzung im Haus.
  • Lokale Vielfalt wie in der Schweiz ermöglicht passgenaue Konzepte, erschwert aber überregionales Lernen.
  • Wo Deeskalationstrainings verpflichtend sind, entlasten sie Teams nur dann, wenn ausreichend Personal für Simulationen und Nachbesprechungen vorhanden ist.
  • Meldewege sind so gut wie ihre Anonymität und ihr Rückkanal an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  • Prävention gegenüber Patientinnen und Patienten braucht eigene Instrumente, eigene Kennzahlen und eigene Fürsprecherinnen und Fürsprecher.

Die spannendste Erkenntnis ist banal: Präventionsansätze in Schweiz und Deutschland unterscheiden sich weniger in der Idee als in der Ausführung. Beide Systeme haben belastbare Konzepte, beide leiden unter Personalmangel, Zeitdruck und einem gesellschaftlichen Klima, in dem Aggression gegen Beschäftigte im Sozial- und Gesundheitswesen zunimmt. Wer voneinander lernen will, sollte weniger nach dem besten Handbuch fragen und mehr danach, welche Haltung im Alltag durchhält.

Genau daran arbeitet die Kampagne #GesundheitOhneGewalt: Sichtbar machen, was Kliniken bereits tun, und den Erfahrungsaustausch über Landesgrenzen hinweg als Teil der Präventionsarbeit begreifen. Denn Übergriffe entstehen nicht in Silos. Antworten dürfen es auch nicht.