„Stellt euch nicht so an.” So lässt sich ein Ton zusammenfassen, der in der Debatte um die Gesundheitsreform immer wieder anklingt, zuletzt sogar als Schlagzeile über einem Kommentar in der ZEIT. Gemeint ist die Botschaft an alle, die vor den Folgen der Kürzungen warnen: Übertreibt nicht, das ist alles nicht so schlimm. Wer im Gesundheitswesen arbeitet und diese Sätze liest, hört etwas anderes: dass die eigene Erschöpfung nicht zählt.

Für eine Kampagne gegen Gewalt im Gesundheitswesen ist dieser Ton kein Nebenschauplatz. Denn Respekt, oder sein Fehlen, steht im Zentrum der Frage, warum Übergriffe zunehmen.

Respektverlust ist der meistgenannte Grund für Übergriffe

In einer Erhebung im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft nannten 71 Prozent der Häuser den allgemeinen Verlust an Respekt als Hauptgrund für die Zunahme von Übergriffen, noch vor den langen Wartezeiten mit 41 Prozent. Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen wächst also nicht nur aus Personalnot und Zeitdruck, sondern aus einem Klima, in dem die Arbeit von Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten, medizinischen Fachangestellten und Rettungskräften als selbstverständlich, ersetzbar oder übertrieben gilt.

Genau hier berührt die Sprache der Reformdebatte die Sicherheit am Arbeitsplatz. Wenn aus der Politik und aus Teilen der Öffentlichkeit das Signal kommt, die Sorgen der Beschäftigten seien Gejammer, dann sickert diese Abwertung nach unten. Sie erreicht den Tresen, das Wartezimmer und die Notaufnahme, wo sie sich in gereiztem, herabsetzendem und manchmal gewalttätigem Verhalten entlädt. Warum Aggression fast nie ein reines Charakterproblem Einzelner ist, sondern aus einem Zusammenspiel von Bedingungen entsteht, zeigt unser Beitrag zu den Ursachen von Aggression.

Abwertung ist ein struktureller Faktor, kein Gefühl

Man kann einwenden, ein Kommentar sei nur ein Kommentar. Aber der Ton einer Debatte ist mehr als Stil. Er entscheidet mit darüber, ob eine Gesellschaft die Menschen, die sie versorgen, als tragende Säule oder als Kostenposten sieht. Wer Beschäftigte, die auf Überlastung hinweisen, ins Lächerliche zieht, macht es leichter, ihnen auch am Empfang keinen Respekt entgegenzubringen. Und wer die Warnungen vor Versorgungslücken abtut, überlässt genau jene Teams sich selbst, die den Druck dann persönlich abbekommen. Wie sehr Unterbesetzung dieses Risiko verstärkt, beschreibt unser Text Personalmangel als Treiber für Übergriffe. Wie die Finanzreform diese Kette in Gang setzt, ordnet Das GKV-Sparpaket hat eine blinde Stelle: Gewalt ein.

Unsere Haltung

Eine harte Sachdebatte über die Finanzierung der Krankenversicherung ist notwendig und legitim. Was schadet, ist die Herablassung. „Stellt euch nicht so an” ist keine Politik, sondern eine Entwertung der Menschen, die das System jeden Tag am Laufen halten. Wer Übergriffe wirklich zurückdrängen will, muss beim Respekt anfangen, in der Sprache der Politik ebenso wie im Umgang an jedem Tresen.

Respekt lässt sich nicht verordnen, aber sichtbar machen. Wenn Sie im Gesundheitswesen arbeiten und den Ton kennen, von dem hier die Rede ist, teilen Sie Ihre Erfahrung mit uns. Über Mitmachen suchen wir alle, die diese Kampagne unterstützen und dem Respektverlust etwas entgegensetzen wollen.