In der Psychotherapie kursiert ein zynischer Satz, der ein ganzes Problem auf den Punkt bringt: Beim deutschen Patienten sucht man die Psyche, beim türkischen die Kultur. Gemeint ist ein Denkmuster, das Fachleute Kulturalisierung nennen: Beschwerden von Menschen mit Migrationsgeschichte werden nicht individuell ergründet, sondern pauschal ihrer vermeintlichen Kultur zugeschrieben. „Das ist bei denen halt so” ersetzt die Diagnostik.

Was Kulturalisierung anrichtet

Wer kulturalisiert wird, verliert seine Individualität. Aus einem Menschen mit einer eigenen Geschichte, eigenen Belastungen und einer eigenen Psyche wird ein Exemplar einer Gruppe. Die konkreten Folgen zeigen sich täglich in Kliniken und Praxen: Schmerzen werden als südländische Übertreibung abgetan, im Klinikjargon zynisch als Morbus Mediterraneus etikettiert. Ein medizinischer Podcast schildert den Fall eines Patienten mit akuter Atemnot und Brustschmerzen bei schwerster Herzschwäche, dessen Symptome Kollegen zunächst als Mittelmeerkrankheit belächelten. Der behandelnde Arzt geriet in einen Loyalitätskonflikt: den Kollegen widersprechen oder den Patienten ernst nehmen. Dass diese Frage überhaupt entsteht, zeigt, wie tief das Muster sitzt.

Kulturalisierung wirkt auch subtiler. Wenn psychische Beschwerden bei der einen Gruppe individuell therapiert und bei der anderen als Mentalitätsfrage abgelegt werden, bekommen beide Gruppen unterschiedlich gute Medizin, bei gleichem Anspruch auf Behandlung.

Woher das Muster kommt

Kulturalisierung ist selten offener Hass. Sie ist eine Abkürzung des Denkens, und Abkürzungen haben in einem überlasteten System Konjunktur. Wer für ein Gespräch acht Minuten hat, greift eher zur Schublade als zur Nachfrage. Dazu kommt eine Wissenschaftstradition, die ihre Konzepte fast ausschließlich an westlichen, individualistisch geprägten Bevölkerungen entwickelt hat. Gesundheitsmodelle, die Eigenverantwortung und Kontrollerleben ins Zentrum stellen, passen auf Menschen, deren Absicherung über Institutionen wie Rente und Krankenkasse läuft. In Gesellschaften, in denen Familie und Gemeinschaft die einzige Absicherung sind, ist gegenseitige Abhängigkeit keine Schwäche, sondern Überlebensstrategie. Wer das nicht weiß, deutet Familienbindung schnell als Unselbstständigkeit und liegt damit diagnostisch daneben.

Unsere Einordnung

Unsere Haltung als Kampagne gilt auch hier: Schuld sind nicht einzelne Ärztinnen und Ärzte oder Therapeutinnen und Therapeuten, die unter Zeitdruck in gelernte Muster fallen, und ganz sicher nicht die Patientinnen und Patienten, deren Schmerz anders klingt als im Lehrbuch. Verantwortlich sind Strukturen: eine Ausbildung, die kulturelle Vielfalt kaum vorkommen lässt, Leitbilder, die eine westliche Norm für universal erklären, und ein unterfinanziertes System, das dem Personal die Zeit nimmt, Menschen als Individuen zu begegnen. Kulturalisierung gedeiht dort, wo Minuten fehlen.

Genauso klar gilt: Die Erklärung ist keine Entschuldigung. Wer Beschwerden wegen der Herkunft geringer gewichtet, handelt falsch, und Betroffene haben ein Recht darauf, dass das benannt wird.

Was hilft

  • Individuum vor Kategorie: Die wichtigste Frage ist nie „Woher kommt der Patient?”, sondern „Was erlebt dieser Mensch?”. Kultursensibilität heißt, Kontexte zu kennen, ohne Menschen darauf zu reduzieren.
  • Ausbildung erweitern: Diversitätssensible Medizin und Psychotherapie gehören verpflichtend in Studium und Weiterbildung, einschließlich der Reflexion der eigenen Denkvoraussetzungen.
  • Sprachmittlung finanzieren: Viele vermeintliche Kulturprobleme sind schlicht Sprachprobleme. Professionelle Dolmetschdienste sind Diagnostikwerkzeuge und müssen regelhaft bezahlt werden.
  • Zeit als Qualitätsfaktor: Gründliche Anamnese braucht Minuten, die das System heute nicht vergütet. Auch das ist eine Investitionsfrage.

Wenn Sie selbst erlebt haben, dass Ihre Beschwerden auf Ihre Herkunft geschoben wurden, nehmen Sie das nicht als normal hin. Hintergründe und Handlungsmöglichkeiten finden Sie auf unserer Themenseite Medical Gaslighting und in unserer Übersicht der Anlaufstellen. Gute Medizin behandelt Menschen, keine Klischees.