„Irgendwann ist auch bei uns das Maß voll.” Mit diesem Satz reagierte der Hausärzteverband auf die GKV-Finanzreform, mit der die Bundesregierung die Beiträge der gesetzlichen Krankenversicherung stabilisieren will. Der Bundestag hat das Gesetz beschlossen, im Kern geht es um das Deckeln von Honoraren und das Streichen zahlreicher Zuschläge. Aus Sicht der Hausärztinnen und Hausärzte trifft das eine Versorgung, die ohnehin am Limit arbeitet. Angekündigt sind als Reaktion Sparprogramme in den Praxen selbst.
Für eine Kampagne, die sich gegen Gewalt im Gesundheitswesen richtet, ist das keine reine Finanzmeldung. Sparzwang in der Fläche verändert den Alltag am Empfang, im Wartezimmer und im Sprechzimmer. Und genau dort entstehen die Situationen, aus denen Aggression wird.
Vom Sparbeschluss zum vollen Wartezimmer
Wenn Praxen ihre Leistungen zurückfahren müssen, verschiebt sich die Last nicht ins Nichts, sie verschiebt sich zu den Patientinnen und Patienten. Längere Wartezeiten auf einen Termin, kürzere Sprechzeiten, seltener erreichbare Telefonleitungen, all das erhöht den Frust, bevor überhaupt ein Wort gewechselt wird. Wer krank, in Sorge oder in Schmerzen ist und trotzdem vertröstet wird, kommt gereizter an den Tresen. Die Beschäftigten an der Anmeldung tragen diese Anspannung als Erste.
Dass dieser Zusammenhang kein Gefühl ist, zeigen die Befragungen zu Übergriffen im Gesundheitswesen. In einer Erhebung im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft nannten 41 Prozent der Häuser die langen Wartezeiten ausdrücklich als Grund für Übergriffe, 71 Prozent den allgemeinen Verlust an Respekt. Was für Kliniken gilt, gilt für Praxen nicht weniger: Übergriffe passieren dort, wo Stress, strukturelle Überlastung und persönliche Ausnahmesituationen zusammentreffen. Wie sich das konkret abspielt, beschreibt unser Beitrag zu Gewalt in der Hausarztpraxis, und den Mechanismus dahinter zeigt der Text zum Zusammenhang von Wartezeiten und Aggression.
Warum die Honorarfrage eine Sicherheitsfrage ist
Die Debatte um gedeckelte Honorare klingt zunächst nach Verteilungspolitik. Für den Praxisalltag ist sie mehr. Wenn eine Praxis Stellen nicht nachbesetzt oder Stunden kürzt, sinkt der Puffer für Konflikte. Weniger Hände bedeuten weniger Zeit, um eine angespannte Lage früh zu entschärfen, und weniger Kolleginnen und Kollegen, die im Ernstfall zur Seite stehen. Dass Unterbesetzung ein eigener Treiber von Übergriffen ist, haben wir in Personalmangel als Treiber für Übergriffe dargestellt. Wie die gesamte Wirkungskette von der Finanzreform bis zum Vorfall belegt ist und was daraus für den Gewaltschutz folgt, ordnet unser ausführlicher Beitrag Das GKV-Sparpaket hat eine blinde Stelle: Gewalt ein.
Unsere Haltung: nicht die Menschen am Tresen sind das Problem
Es wäre zu einfach, die Verantwortung bei den Patientinnen und Patienten zu suchen, die zu lange warten, oder beim Praxisteam, das unter Druck reagiert. Die eigentliche Ursache liegt eine Ebene tiefer: in einer Finanzierung, die Versorgung verknappt und die Reibung damit ins tägliche Miteinander verlagert. Wer Übergriffe verhindern will, muss den Druck aus dem System nehmen, nicht die Erschöpften ermahnen.
Das entlässt niemanden aus der Verantwortung im Einzelfall. Ein Übergriff bleibt ein Übergriff, unabhängig von der Personalnot. Aber die Debatte über die Reform sollte ehrlich benennen, dass jede Kürzung an der Basis das Klima verändert, in dem Menschen einander begegnen.
Wenn Sie in einer Praxis arbeiten und erleben, wie sich der Druck auf den Umgang auswirkt, teilen Sie Ihre Erfahrung mit uns. Über Mitmachen suchen wir den Austausch mit allen, die diese Kampagne unterstützen und die Lage aus erster Hand kennen.