Über Deeskalation haben wir viel geschrieben: über einzelne Übungen, über Techniken für Klinikpersonal, über den Ansatz ProDeMa und darüber, warum Deeskalation manchmal scheitert. Dieser Beitrag ordnet das Thema. Welche Stufenmodelle gibt es, was verlangen die medizinische Leitlinie und die Unfallversicherung, und was bringt Training nachweislich?

Illustration: ein heller, leerer Besprechungsraum, zwei Holzstühle mit dunkelgrüner Sitzfläche stehen mit deutlichem Abstand zueinander, im Hintergrund eine halb geöffnete Tür
Abstand, Augenhöhe und ein freier Weg nach draußen gehören zur Deeskalation, bevor ein Wort fällt.

Vier Stufenmodelle, die in Kliniken und Praxen verwendet werden

  • ProDeMa (Professionelles Deeskalationsmanagement): 2002 von Ralf Wesuls mit Thomas Heinzmann und Ludger Brinker entwickelt. Das Konzept arbeitet heute mit sieben Stufen. Die ersten drei beugen vor, von der Verhinderung aggressionsauslösender Reize bis zum Verständnis der Ursachen, die Stufen vier bis sechs betreffen die Situation selbst, von der verbalen Deeskalation bis zu Abwehr- und Haltetechniken, die siebte die Zeit danach.
  • Assault Cycle nach Kaplan und Wheeler (1983): Das Modell beschreibt, wie ein Mensch eskaliert, in fünf Phasen: Auslöser, Eskalation, Krise, Erholung und Erschöpfung nach der Krise. Es erklärt, warum dieselbe Intervention in der einen Phase wirkt und in der anderen nicht.
  • Eskalationskreislauf: Er beschreibt die Wechselwirkung zwischen Patientin oder Patient und Personal. Wer sich ohnmächtig fühlt, wehrt sich, und wer darauf mit Machtdemonstration antwortet, treibt die Spirale weiter. Wir haben ihn im Beitrag zu den Eskalationsstufen ausführlich beschrieben.
  • Aachener Modell: Es entstand aus der Zusammenarbeit der Unfallkasse NRW mit dem Polizeipräsidium Aachen und ordnet Vorfälle in Gefährdungsstufen von 0 bis 3, von der kontroversen Gesprächssituation über verbale Aggression und körperliche Gewalt bis zu Waffen, Bombendrohung und Geiselnahme. Es dient der Einstufung von Vorfällen und der Planung von Schutzmaßnahmen, weniger dem Gespräch selbst.

Was die Leitlinie verlangt

Die S3-Leitlinie „Verhinderung von Zwang“ der psychiatrischen Fachgesellschaften, Version 3.0 vom März 2026, beschreibt Deeskalation zuerst als Haltung. Vermittelt werden soll eine Haltung, die „Empathie, Sorge, Respekt, Ernsthaftigkeit und Fairness signalisiert“. Deeskalation hat das Ziel, „die Situation zu kontrollieren, aber nicht die Patientin oder den Patienten“. Sie ist am erfolgversprechendsten als frühe Intervention, und ihr zentrales Mittel ist der bewusste Zeitgewinn durch verlangsamte Kommunikation (Seite 144).

Mit dem höchsten Empfehlungsgrad A empfiehlt die Leitlinie, alle Mitarbeitenden in Deeskalation zu schulen (Empfehlung 34, Seite 151). Die Evidenz dafür stuft sie selbst als sehr niedrig ein, hochgestuft wurde die Empfehlung wegen des Expertenkonsenses. Deeskalation soll mit Abwehrtechniken kombiniert und vorrangig geschult werden (Empfehlung 36), und Mitarbeitende sollen lernen, ihren eigenen Stress und ihre Emotionen zu regulieren (Seite 145).

Was die Unfallversicherung verlangt

Die DGUV Information 207-025, die Handlungshilfe gegen Gewalt im Gesundheitsdienst, setzt eine klare Reihenfolge: „Technische Maßnahmen haben somit Priorität vor organisatorischen Maßnahmen und diese wiederum vor personenbezogenen Maßnahmen“ (Seite 14). Training steht also am Ende der Reihe und ersetzt keine Umbauten und keine Personalplanung. Zugleich heißt es dort: Verbale Deeskalations-, Ausweich- und Abwehrtechniken „müssen immer wieder geübt werden“ (Seite 18). Die Handlungshilfe empfiehlt, Deeskalationstrainerinnen und -trainer aus den eigenen Reihen auszubilden, weil sie Nachhaltigkeit sichern.

Unterwiesen werden müssen Beschäftigte vor Aufnahme der Tätigkeit (Paragraf 12 Arbeitsschutzgesetz) und danach mindestens einmal jährlich, dokumentiert (DGUV Vorschrift 1, Paragraf 4). Die BGW nennt in ihrer Gefährdungsbeurteilung für Arztpraxen Deeskalationstraining als Schutzmaßnahme für die Anmeldung und den Notdienst. Wie die Gefährdungsbeurteilung zu Gewalt konkret aussieht, zeigt unser Beitrag dazu.

Was Training nachweislich bringt

Die Studienlage ist eindeutiger, als man vermuten würde, nur in eine andere Richtung. Ein systematisches Review von Price und Kollegen mit 38 Studien fand den stärksten Effekt beim Wissen über Deeskalation, bei der Zuversicht im Umgang mit Aggression und bei der Leistung in Übungsszenarien. Ob Übergriffe und Verletzungen seltener werden, ließ sich daraus nicht belastbar ableiten. Ein Review zu Akutkrankenhäusern mit neun Studien kam zum selben Bild: mehr Zuversicht und Wissen, keine signifikante Änderung bei der Zahl der Übergriffe. Die Autorinnen und Autoren folgern, dass Aggression auf der Ebene der Organisation angegangen werden muss.

Training wirkt also zuerst auf die Menschen, die es besuchen. Das ist viel wert, denn wer sich sicher fühlt, reagiert ruhiger. Weniger Übergriffe entstehen erst, wenn Wartezeiten, Besetzung und Räume mitziehen. Wie Schulungen gebaut sein müssen, damit sie wirken, beschreibt unser Beitrag zum Schulungsdesign gegen Gewalt.

Zehn Regeln für das Gespräch

Die amerikanische Arbeitsgruppe Project BETA hat zehn Bereiche der verbalen Deeskalation beschrieben, die viele Trainings aufgreifen:

  • den persönlichen Raum respektieren
  • nicht provozieren
  • verbalen Kontakt herstellen
  • kurz und klar sprechen
  • Wünsche und Gefühle erkennen
  • genau zuhören
  • zustimmen oder die Uneinigkeit anerkennen
  • klare Grenzen setzen
  • Wahlmöglichkeiten und Zuversicht anbieten
  • mit der Patientin oder dem Patienten und im Team nachbesprechen

Wie sich das im Team üben lässt, zeigen unsere Übungen für Team und Alltag und die Techniken für angespannte Situationen.

Unsere Haltung

Jede Einrichtung, die Deeskalationstraining anbietet, sollte in ihrer Gefährdungsbeurteilung zugleich offenlegen, welche technischen und organisatorischen Maßnahmen sie gegen Übergriffe getroffen hat.

Häufige Fragen

Welche Stufen hat die Deeskalation?

Das verbreitete Konzept ProDeMa arbeitet mit sieben Stufen, von der Verhinderung aggressionsauslösender Reize bis zur Nachsorge. Zur Einstufung von Vorfällen verwenden die Unfallkassen das Aachener Modell mit den Gefährdungsstufen 0 bis 3.

Ist Deeskalationstraining Pflicht?

Pflicht ist die Unterweisung vor Aufnahme der Tätigkeit und danach mindestens einmal jährlich. Ob darüber hinaus ein Training nötig ist, ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung. Die S3-Leitlinie empfiehlt mit Grad A, alle Mitarbeitenden in Deeskalation zu schulen, und die DGUV-Handlungshilfe verlangt, Deeskalationstechniken immer wieder zu üben.

Senkt Deeskalationstraining die Zahl der Übergriffe?

Das ist nicht belegt. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen mehr Wissen und mehr Zuversicht beim Personal, aber keinen sicheren Rückgang der Übergriffe. Deshalb stellt die Unfallversicherung technische und organisatorische Maßnahmen vor das Training.

Was ist der Eskalationskreislauf?

Der Eskalationskreislauf beschreibt, wie sich Ohnmacht auf der einen und Machtdemonstration auf der anderen Seite gegenseitig verstärken. Deeskalation setzt an, bevor sich dieser Kreislauf schließt.

Quellen