Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) veröffentlicht seit Jahren Erhebungen zu Übergriffen am Arbeitsplatz. Die Ergebnisse zeichnen ein Bild, das viele Beschäftigte aus der Schicht kennen. Und sie liefern Argumente, die in Trägersitzungen oft fehlen. Ein nüchterner Überblick.
Was die BGW eigentlich untersucht
Die BGW ist der gesetzliche Unfallversicherungsträger für nichtstaatliche Einrichtungen im Gesundheits- und Wohlfahrtssektor. Damit hat sie Zugriff auf Daten, die andere Institutionen nicht in dieser Breite haben: Meldungen zu Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und psychischen Belastungen aus Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Arztpraxen, Rettungsdiensten und sozialen Diensten.
Die veröffentlichten Studien decken ein breites Feld ab. Sie fragen nach körperlichen Übergriffen, verbaler Aggression, sexueller Belästigung und struktureller Überlastung. Erhoben wird sowohl über Betroffenenbefragungen als auch über Meldedaten und Fokusgruppen. Wichtig ist: Die Zahlen sind keine polizeiliche Kriminalstatistik. Sie erfassen, was Beschäftigte selbst berichten, und damit auch Vorfälle, die nie angezeigt wurden.
Ergänzt werden die Erhebungen durch qualitative Formate. Interviews mit Führungskräften, Analysen von Präventionsprogrammen und Auswertungen einzelner Berufsgruppen wie Pflegekräfte in der Altenpflege, Beschäftigte in Rettungswachen oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zentralen Notaufnahmen.
Kernbefunde: Was mehrere Studien übereinstimmend zeigen
Verschiedene BGW-Erhebungen aus dem letzten Jahrzehnt kommen zu einem konsistenten Grundbild. Es lässt sich in wenigen Punkten zusammenfassen:
- Übergriffe sind kein Ausnahmeereignis. Ein sehr großer Teil der befragten Beschäftigten in Pflege, Rettungsdienst und Notaufnahmen berichtet, im Verlauf von zwölf Monaten mindestens einen Vorfall erlebt zu haben.
- Verbale Aggression ist häufiger als körperliche Gewalt, wird aber seltener gemeldet. Beschimpfungen, Drohungen und Beleidigungen gelten in vielen Teams als “Teil des Jobs”.
- Die Belastung ist ungleich verteilt. Notaufnahmen, Rettungsdienste, gerontopsychiatrische Bereiche und ambulante Pflege liegen deutlich über dem Durchschnitt.
- Nachbereitung findet oft nicht statt. Viele Betroffene geben an, nach einem Vorfall kein strukturiertes Gespräch mit Führungskraft oder Betriebsarzt geführt zu haben.
- Die psychischen Folgen werden unterschätzt. Schlafstörungen, Rückzug, verminderte Arbeitszufriedenheit und Kündigungsgedanken tauchen in den Auswertungen wiederholt auf.
Diese Muster sind bemerkenswert stabil. Sie tauchen in Erhebungen aus unterschiedlichen Jahren, mit unterschiedlichen Methoden und in unterschiedlichen Teilbereichen des Gesundheitswesens auf.
Warum die Zahlen unterschiedlich ausfallen
Wer verschiedene BGW-Publikationen nebeneinanderlegt, findet Prozentwerte, die auf den ersten Blick voneinander abweichen. Das liegt nicht an Beliebigkeit, sondern an drei methodischen Punkten, die man kennen sollte.
Erstens: der Zeitrahmen. Eine Frage nach Übergriffen “in den letzten zwölf Monaten” ergibt andere Werte als “in der gesamten Berufslaufbahn”. Zweitens: die Definition. Manche Studien trennen scharf zwischen körperlichen und verbalen Übergriffen, andere fassen sie zusammen. Drittens: die Stichprobe. Eine Befragung in Notaufnahmen liefert höhere Werte als eine über alle Fachbereiche einer Klinik gemittelte Erhebung.
Für die Praxis heißt das: Einzelne Prozentwerte aus dem Kontext gerissen sind wenig wert. Aussagekräftig ist die Richtung, in die mehrere Studien gemeinsam zeigen. Und diese Richtung ist eindeutig.
Die entscheidende Information der BGW-Studien ist nicht eine bestimmte Prozentzahl. Es ist die Regelmäßigkeit, mit der dieselben Muster in unterschiedlichen Erhebungen auftauchen.
Konsequenzen für Kliniken, Praxen und Träger
Aus den Studien haben BGW und Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet. Sie richten sich an Arbeitgebende und sind über die Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz einklagbar. Praktisch relevant sind vor allem vier Konsequenzen.
Systematische Gefährdungsbeurteilung. Aggression und Gewalt müssen als eigenständige Gefährdung erfasst werden, nicht nebenbei unter “psychische Belastung”. Das umfasst räumliche Analyse, Bewertung von Alleinarbeit und Prüfung der Alarmierungswege.
Deeskalationstraining und Nachsorge. Die BGW empfiehlt regelmäßige Schulungen für alle Beschäftigten mit Patientinnen und Patienten-Kontakt. Ebenso wichtig ist ein festes Nachsorgekonzept nach Vorfällen, kollegiale Erstbetreuung, Angebot einer psychologischen Weiterversorgung, dokumentierte Meldung.
Bauliche und organisatorische Prävention. Sichtachsen an Tresen, Rückzugsräume, Fluchtwege, Wartezeit-Management. Vieles davon senkt Aggression, bevor sie entsteht.
Kultur der Meldung. Studien zeigen wiederholt: Wo Meldungen ernst genommen und nicht sanktioniert werden, steigt die Meldebereitschaft, und mit ihr die Datenbasis für weitere Verbesserungen.
Für Träger heißt das auch: Prävention ist keine freiwillige Zusatzleistung. Sie ist arbeitsschutzrechtliche Pflicht. Der Bezug zur BGW schafft dabei nicht nur Zahlen, sondern auch Ansprüche, etwa auf Beratung, Schulungsförderung und im Ernstfall auf Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung.
Was oft im Schatten bleibt
Die BGW-Studien fokussieren berufsbedingt auf Beschäftigte. Gewalt in Gesundheitseinrichtungen hat aber eine zweite Richtung: gegen Patientinnen und Patienten und Bewohnerinnen und Bewohner. Übergriffe durch Personal, entwürdigende Fixierungen, verbale Herabsetzung in Pflegeheimen, diese Ereignisse tauchen in BGW-Daten nur indirekt auf, etwa wenn sie zur Belastungssituation von Teams beitragen.
Ergänzende Perspektiven liefern hier Erhebungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft, wissenschaftliche Arbeiten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Berichte des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung sowie journalistische Recherchen im Ärzteblatt. Wer ein vollständiges Bild will, liest die BGW-Zahlen zusammen mit diesen Quellen.
Der gemeinsame Nenner: Enthemmung, Überforderung, personelle Unterbesetzung und ein Klima des Wegsehens produzieren Gewalt in beide Richtungen. Prävention, die nur eine Seite adressiert, greift zu kurz.
Ein nüchterner Umgang mit den Daten
BGW-Studien sind keine Skandalpapiere. Sie sind Werkzeuge. Sie machen Belastungen sichtbar, die im Klinikalltag oft im Schichtwechsel untergehen. Und sie geben Führungskräften, Personalräten und Trägern eine Sprache, mit der sich Präventionsentscheidungen begründen lassen, jenseits von Bauchgefühl und einzelnen Vorfällen.
Wer die Studien lesen möchte, findet die aktuellen Veröffentlichungen auf der Seite der BGW und der DGUV-Kampagne gegen Gewalt und Aggression. Sinnvoller als ein einzelner Blick ist die regelmäßige Lektüre. Denn die Muster verändern sich, langsam, aber messbar. Und jede belastbare Zahl ist ein Argument mehr für Arbeitsbedingungen, unter denen Gesundheit ohne Gewalt möglich bleibt.