Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ist die gesetzliche Unfallversicherung für Arztpraxen, freie und kirchliche Kliniken, Pflegeeinrichtungen und die Behindertenhilfe. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat sie in zwei großen Befragungen untersucht, wie oft Beschäftigte Gewalt erleben. Dazu kommen die Unfallmeldungen, die bei ihr eingehen. Dieser Beitrag fasst die belegten Befunde zusammen.

Befragung 2012: fast 2.000 Beschäftigte aus 39 Einrichtungen

Für die erste Studie wurden 1.973 Beschäftigte aus 39 Einrichtungen befragt: sechs Kliniken, sechs Einrichtungen der Behindertenhilfe und 27 ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen. Alle hatten regelmäßig Kontakt mit Patientinnen und Patienten oder Klientinnen und Klienten. Die Ergebnisse erschienen 2012 in der Fachzeitschrift BMJ Open (Schablon und andere, 2012).

  • 56 Prozent der Befragten hatten körperliche Gewalt erlebt, 78 Prozent verbale Aggression.
  • Am häufigsten war körperliche Gewalt in der stationären Altenpflege mit 63 Prozent.
  • Jüngere Beschäftigte hatten ein höheres Risiko, körperliche Gewalt zu erleben, als ältere.
  • Etwa ein Drittel fühlte sich durch die erlebte Gewalt stark belastet.

Befragung 2017: 94 Prozent erlebten verbale Gewalt in einem Jahr

Die zweite Befragung fand 2017 statt, mit 1.984 Beschäftigten aus 81 Einrichtungen. Veröffentlicht wurde sie 2018 im International Journal of Environmental Research and Public Health (Schablon und andere, 2018).

  • In den zwölf Monaten vor der Befragung hatten 94,1 Prozent verbale Gewalt erlebt und 69,8 Prozent körperliche Aggression.
  • Am häufigsten betroffen waren Beschäftigte in Kliniken und in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe.
  • Wieder fühlte sich ein Drittel durch die Vorfälle stark belastet.

Rund 5.300 gemeldete Vorfälle pro Jahr

Von 2018 bis 2022 wurden der BGW rund 26.500 Schreck- und Gewaltvorfälle als meldepflichtige Arbeitsunfälle angezeigt, im Durchschnitt etwa 5.300 pro Jahr (BGW, Pressemitteilung vom 14.03.2024). Meldepflichtig ist ein Arbeitsunfall erst, wenn er zu mehr als drei Tagen Arbeitsunfähigkeit führt. Beleidigungen, Drohungen und Angriffe ohne längeren Ausfall tauchen in dieser Zahl also nicht auf. Die Befragungen zeigen, wie viel größer das tatsächliche Ausmaß ist.

Was Vorbereitung bewirkt

Beide Studien haben auch gefragt, wie die Einrichtungen ihre Beschäftigten auf aggressive Situationen vorbereiten. 2012 zeigte sich: Je besser eine Einrichtung schulte, desto seltener erlebten Beschäftigte verbale Aggression und körperliche Gewalt, und desto weniger belastet fühlten sie sich. 2018 ergab sich ein ähnlicher Befund für die Belastung: Wo sich der Arbeitsplatz wirksam vorbereitet, sinkt die empfundene Belastung.

Die Autorinnen und Autoren weisen 2018 außerdem darauf hin, dass mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu mehr Meldungen führen dürfte. Steigende Zahlen in einer Einrichtung können also auch bedeuten, dass weniger verschwiegen wird.

Was daraus für Praxen und Kliniken folgt

  • Vorbereitung ist messbar mit weniger Belastung verbunden. Schulung, klare Abläufe und ein offener Umgang mit dem Thema gehören in jede Einrichtung. Wie gut Ihre Praxis vorbereitet ist, zeigt der Gewaltschutz-Check.
  • Die Meldezahlen zeigen nur einen Ausschnitt. Halten Sie auch Vorfälle ohne Verletzung fest, etwa mit dem Dokumentationsbogen.
  • Betroffene brauchen Nachsorge. Was nach einem Angriff zu tun ist, beschreibt der Handlungsweg körperlich angegriffen.

Quellen