Ein typisches Beispiel: Ein Patient reißt sich in der Notaufnahme die Infusion aus dem Arm, schreit, schlägt um sich. Zwei Pflegekräfte halten ihn fest, ein Arzt spricht laut auf ihn ein. Was hier wie eine Deeskalation aussieht, kann für alle Beteiligten ein Trigger sein: für den Patienten, der als Kind Gewalt erlebt hat, und für die Pflegekraft, die vor drei Wochen selbst angegriffen wurde. Trauma-informed Care setzt genau hier an: Sie ist kein Therapieansatz, sondern eine Haltung, die Kliniken sicherer macht, für Patientinnen und Patienten und für die Menschen, die sie versorgen.
Was Trauma-informed Care im Krankenhaus konkret bedeutet
Der Begriff stammt aus der US-amerikanischen Versorgungsforschung und wird inzwischen auch in deutschen Kliniken aufgegriffen. Kern ist eine einfache Annahme: Ein relevanter Anteil der Menschen, die in eine Klinik kommen, hat traumatische Erfahrungen gemacht, Unfälle, Gewalt, Flucht, Krieg, sexualisierte Übergriffe. Diese Erfahrungen sind selten dokumentiert, aber sie beeinflussen, wie Patientinnen und Patienten auf Untersuchungen, Berührungen, Wartezeiten und Fixierungen reagieren.
Trauma-informed Care fragt nicht “Was ist mit dir los?”, sondern “Was ist dir passiert?”. Für den Klinikalltag heißt das: Abläufe werden so gestaltet, dass sie möglichst wenig retraumatisieren. Das reicht von der Ansprache am Empfang über die Aufklärung vor invasiven Maßnahmen bis hin zur Frage, wer bei einer Untersuchung im Raum bleibt. Es ist keine zusätzliche Aufgabe, sondern eine Art, die vorhandenen Aufgaben besser zu tun.
Wichtig ist die zweite Blickrichtung: Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bringen eigene Belastungen mit, aus dem Beruf oder von außen. Trauma-informed Care bezieht das Personal ausdrücklich ein. Wer selbst übergriffige Situationen erlebt hat, deeskaliert anders, spricht anders, entscheidet anders.
Die sechs Prinzipien, übersetzt in den Stationsalltag
International hat sich ein Set von sechs Prinzipien etabliert, das die US-Bundesbehörde SAMHSA 2014 in ihrem Konzept für einen traumainformierten Ansatz formuliert hat. Für deutsche Kliniken lassen sich diese Prinzipien nüchtern übersetzen:
- Sicherheit: Räume, in denen Patientinnen und Patienten und Personal körperliche und psychische Sicherheit erleben. Dazu gehören Sichtachsen, Rückzugsräume und klare Alarmwege.
- Vertrauenswürdigkeit und Transparenz: Maßnahmen werden angekündigt, Entscheidungen erklärt. Auch die Ablehnung einer Behandlung wird respektvoll dokumentiert.
- Peer-Support: Kolleginnen und Kollegen sprechen über belastende Situationen, nicht nur Vorgesetzte. Kollegiale Erstbetreuung ist ein etabliertes Instrument, das die BGW empfiehlt.
- Zusammenarbeit und Beteiligung: Patientinnen und Patienten entscheiden mit, wo es medizinisch vertretbar ist. Personal entscheidet mit, wenn Abläufe geändert werden.
- Empowerment und Wahlmöglichkeit: Auch kleine Entscheidungen zählen, welcher Arm für die Blutabnahme, ob die Tür offen bleibt, ob eine Begleitperson dabei ist.
- Kultursensibilität: Sprache, Geschlecht, religiöse oder biografische Kontexte werden mitgedacht, ohne dass daraus Zuschreibungen werden.
Diese Liste ist kein Katalog, den man abarbeitet. Sie ist ein Filter, durch den bestehende SOPs, Aufnahmeprozesse und Deeskalationstrainings noch einmal gehen.
Warum das nicht nur ethisch, sondern arbeitsschutzrelevant ist
Die Zahlen zu Gewaltvorfällen in deutschen Kliniken sind unbequem. Berufsgenossenschaften und Fachgesellschaften wie BGW, DGUV und Marburger Bund berichten seit Jahren, dass Übergriffe auf Personal in Notaufnahmen, Psychiatrien und Rettungsdiensten zugenommen haben oder zumindest sichtbarer geworden sind. Gleichzeitig geht ein Teil der Gewalt, die im Krankenhaus stattfindet, von Personal aus, in Form von Grobheiten, unangemessenen Fixierungen, entwürdigender Ansprache oder unterlassenem Beistand.
Beide Richtungen haben eine gemeinsame Ursache: strukturelle Überforderung. Wer unter Schlaf- und Personalmangel arbeitet, mit hohem Dokumentationsdruck und schwacher Rückendeckung, deeskaliert schlechter. Wer als Patientin oder Patient nach Stunden auf einer harten Bank ohne Information wartet, eskaliert schneller. Trauma-informed Care setzt an genau diesen Reibungspunkten an.
Sicherheit im Krankenhaus entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Vorhersehbarkeit.
Aus arbeitsschutzrechtlicher Sicht ist die Sache eindeutig: Der Arbeitgeber ist verpflichtet, psychische Belastungen zu beurteilen und zu reduzieren. Die Gefährdungsbeurteilung, die nach § 5 Abs. 3 Nr. 6 ArbSchG auch psychische Belastungen bei der Arbeit erfasst, deckt genau die Bereiche ab, in denen Trauma-informed Care wirkt: Interaktion mit Patientinnen und Patienten, Umgang mit Gewalt, Nachsorge nach kritischen Ereignissen.
Umsetzung: kleine Hebel, große Wirkung
Kliniken, die Trauma-informed Care ernst nehmen, müssen selten alles auf einmal ändern. Wirksam sind oft die unspektakulären Maßnahmen. Fortbildungen zu Deeskalation und Kommunikation, die nicht nur einmal pro Berufsleben stattfinden. Debriefings nach Übergriffen, die nicht auf der Kaffeepause abgehandelt werden, sondern strukturiert und mit klarer Verantwortlichkeit. Aufnahmebogen, die traumasensible Fragen enthalten, ohne zu bohren. Und Führungskräfte, die sichtbar machen, dass Grenzüberschreitungen, egal in welche Richtung, nicht als Berufsrisiko akzeptiert werden.
Ein weiterer Punkt wird oft unterschätzt: die Architektur. Enge Warteräume, fehlende Rückzugsräume, laute Flure und uneinsehbare Ecken sind kein Detail, sondern Teil des Problems. Neu- und Umbauten in Notaufnahmen und Psychiatrien lassen sich unter dieser Perspektive planen.
Und schließlich: Sprache. Wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Patientinnen und Patienten sprechen, im Übergabegespräch, im Aufzug, im Dienstzimmer, hat direkten Einfluss darauf, wie sie ihnen begegnen. Und wie Führungskräfte über ihre Teams sprechen, hat direkten Einfluss darauf, ob Personal sich traut, Vorfälle zu melden. Trauma-informed Care ist auch Sprachpflege.
Was bleibt: Haltung vor Instrument
Trauma-informed Care ist kein Zertifikat, das man an die Wand hängt. Sie ist ein langsamer Kulturprozess, der Zeit, Ressourcen und Rückendeckung braucht. Kliniken, die diesen Weg gehen, berichten von weniger Eskalationen, höherer Zufriedenheit bei Patientinnen und Patienten und geringerer Fluktuation im Personal, qualitative Effekte, die sich schwer isolieren lassen, aber im Alltag spürbar sind.
Für die Kampagne #GesundheitOhneGewalt ist Trauma-informed Care ein Schlüsselthema, weil sie beide Richtungen der Gewalt zusammendenkt. Sie behandelt Patientinnen und Patienten nicht als Risiko und Personal nicht als Verschleißteil. Sie erkennt an, dass Gesundheitsversorgung ein Ort ist, an dem viele Menschen ihre verletzlichsten Momente erleben, und dass genau darin die Chance liegt, es besser zu machen.