Nach einem Übergriff auf einer Station vergehen im Schnitt wenige Minuten, bis der Regelbetrieb weiterläuft. Was fehlt, ist meist nicht die medizinische Versorgung, sondern das Gespräch danach. Peer-Support setzt genau hier an: Kolleginnen und Kollegen mit eigener Erfahrung bieten Kolleginnen und Kollegen eine kurze, strukturierte Erstansprache an. Der Ansatz ist im Rettungsdienst und in der Bundeswehr seit Jahren etabliert und wird zunehmend auch in Kliniken, MVZ und Pflegeeinrichtungen verankert.
Was Peer-Support in Gesundheitseinrichtungen bedeutet
Peer-Support meint kollegiale Ersthilfe durch geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die selbst im Feld arbeiten. Peers sind keine Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und ersetzen keine Betriebsärztinnen und Betriebsärzte. Sie sind Brücke: erreichbar, sprachfähig, nicht hierarchisch belastet. Ihr Auftrag ist die Erstansprache nach belastenden Ereignissen und die Vermittlung in weiterführende Angebote, wenn nötig.
Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) beschreibt kollegiale Ansprechpersonen als niedrigschwelliges Element betrieblicher Nachsorge. Wichtig ist die Rollentrennung: Peers dokumentieren keine Diagnosen, geben keine Empfehlungen mit disziplinarischer Wirkung, sind nicht Vorgesetzte der Betroffenen. Genau diese Distanz macht das Gespräch möglich.
Peer-Support adressiert beide Richtungen von Gewalt in der Versorgung. Er ist gedacht für Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Empfang, Reinigung und Sicherheit, die übergriffen worden sind. Er ist ebenso relevant, wenn Patientinnen und Patienten Zeuginnen und Zeugen oder selbst Betroffene entwürdigender Situationen wurden, etwa bei Fixierungen, rüden Abstimmungen im Team oder verweigerter Übersetzung.
Warum kollegiale Ansprache wirkt
Belastende Ereignisse werden in Kliniken häufig unter dem Begriff der Resilienz individualisiert. Peer-Support kehrt die Logik um: Die Einrichtung stellt die Struktur, die einzelne Person muss sich nicht selbst organisieren.
Wirksam wird Peer-Support dort, wo drei Bedingungen erfüllt sind: Peers sind qualifiziert und supervidiert, die Einrichtung schützt vertrauliche Gespräche formal, und der Zugang ist so einfach wie ein interner Anruf. Sobald einer dieser drei Pfeiler wackelt, wird das Angebot nicht genutzt.
Ein Peer ersetzt keine Therapie. Er kann aber der erste Mensch sein, mit dem eine Betroffene oder ein Betroffener über das Erlebte spricht.
Elemente eines belastbaren Peer-Programms
Ein funktionierendes Programm lässt sich auf einige nüchterne Bausteine reduzieren. Die folgende Liste ist kein Idealbild, sondern eine Mindestausstattung.
- Auswahl der Peers über Ausschreibung, nicht über Zuruf; freiwillig, ohne Karriereversprechen
- Grundqualifikation über mehrere Tage, orientiert an anerkannten Curricula (z. B. BGW-Seminare, Modelle wie SbE oder PSNV)
- Regelmäßige externe Supervision für die Peers, mindestens vierteljährlich
- Klare Erreichbarkeit: Rufnummer, Dienstplan, Vertretung, garantierte Rückmeldezeit
- Schriftliche Rollenbeschreibung mit Schweigepflicht, Grenzen und Weiterleitungspfaden
- Verbindliche Freistellung der Peers während der Einsätze und für die Fallnachbereitung
- Anonymisierte Auswertung an die Geschäftsleitung, ohne Rückschluss auf Einzelfälle
Fehlt einer dieser Punkte, verschiebt sich die Last zurück auf die betroffene Person: Sie muss sich einen Termin selbst organisieren, sie muss die eigene Vertretung regeln, sie muss den formalen Weg selbst gehen. Genau das ist der Punkt, an dem Peer-Programme in der Praxis leise sterben.
Was Peer-Support für Patientinnen und Patienten leisten kann
Peer-Support ist nicht nur ein Personalthema. Selbsthilfeverbände, Patientenfürsprecherinnen und Patientenfürsprecher und peer-gestützte Angebote in der Psychiatrie zeigen seit Jahren, dass Betroffene mit eigener Erfahrung Gespräche eröffnen, die professionell Tätigen verschlossen bleiben. Genesungsbegleitung nach dem EX-IN-Ansatz ist dafür das bekannteste Beispiel.
Für die Kampagnenperspektive heißt das: Ein Krankenhaus, das Peer-Support ausschließlich für Personal denkt, greift zu kurz. Übergriffe zwischen Patientinnen und Patienten, Grenzverletzungen durch Personal, entwürdigende Kommunikation im Notfall, all das braucht ansprechbare Personen, die nicht Teil der Hierarchie sind, die den Übergriff verantwortet oder verpasst hat. Patientenfürsprache und Beschwerdemanagement sind formale Wege. Peer-Angebote können den informellen Weg öffnen, auf dem ein Vorgang überhaupt erst benannt wird.
Voraussetzung ist die klare Trennung: Peers für Patientinnen und Patienten sind nicht dieselben Personen wie Peers für Personal. Die Rollen würden sich sonst gegenseitig neutralisieren.
Häufige Fehler beim Aufbau
Wer Peer-Support einführt, läuft in erkennbare Muster. Drei sind besonders robust.
Erstens die Symbolinstallation. Das Programm wird verkündet, ein Flyer hängt im Aufenthaltsraum, es passiert nichts. Wenn Peers nicht in der Dienstplanlogik auftauchen, existieren sie im Alltag nicht.
Zweitens die Vermischung mit Führung. Sobald Peers auch die Rolle einer Stationsleitung oder Konfliktmoderation im Team übernehmen, kippt die Vertraulichkeit. Betroffene rechnen dann, zu Recht, damit, dass Inhalte in Beurteilungen einfließen.
Drittens die Überladung mit Zuständigkeiten. Peer-Support ist Erstansprache, nicht Traumatherapie, nicht Deeskalationstraining, nicht Whistleblowing-Stelle. Wo alles gleichzeitig gemeint ist, wird nichts davon zuverlässig geleistet.
Was Träger jetzt tun können
Peer-Support ist vergleichsweise günstig, aber nicht umsonst. Ein realistischer Rahmen umfasst Freistellungszeit, externe Ausbildung, laufende Supervision und ein Budget für Materialien. Für kleinere Häuser lohnt der Blick auf Verbundmodelle, in denen mehrere Einrichtungen sich Peers und Supervision teilen.
Peer-Support ist keine Antwort auf strukturellen Druck in der Versorgung. Personalschlüssel, Bautrennung von Wartebereichen, Deeskalationstrainings, Meldewege, all das bleibt notwendig. Aber Peer-Support macht sichtbar, was sonst im Schichtwechsel verschwindet: dass ein Übergriff ein Ereignis war, das benannt gehört. Genau darum geht es der Kampagne #GesundheitOhneGewalt, Gewalt in der Versorgung nicht als Betriebsunfall zu behandeln, sondern als etwas, worüber gesprochen wird, in beide Richtungen und mit denen, die verstehen, wovon die Rede ist.