Gewalt am Arbeitsplatz ist in Kliniken, Praxen und Rettungsdiensten längst kein Randthema mehr. Mit der Kampagne #GewaltAngehen bündelt die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) gemeinsam mit ihren Unfallversicherungsträgern Materialien, Handlungsempfehlungen und Praxishilfen, die Betriebe beim Umgang mit Übergriffen unterstützen. Dieser Überblick ordnet Ziele, Zielgruppen und Werkzeuge der Initiative ein und zeigt, welchen Beitrag sie zur Prävention leistet.

Was #GewaltAngehen ist und wofür die Kampagne steht

#GewaltAngehen ist eine trägerübergreifende Präventionskampagne im Verbund der gesetzlichen Unfallversicherung. Sie richtet sich an Beschäftigte, Führungskräfte und Unternehmen aller Branchen, in denen es zu verbaler oder körperlicher Gewalt am Arbeitsplatz kommen kann. Gesundheitseinrichtungen sind ein Schwerpunkt, weil hier Nähe, Zeitdruck und emotionale Ausnahmesituationen aufeinandertreffen.

Die Kampagne versteht Gewalt breit: als Kontinuum aus Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierung, sexueller Belästigung und körperlichen Übergriffen. Auslöser sind selten einzelne Personen, sondern häufig ein Zusammenspiel aus Überforderung, Wartezeiten, Schmerz, Entzug, Angst und Kommunikationsbrüchen. Genau dort setzt die DGUV mit Materialien an, die Ursachen benennen, ohne einzelne Gruppen zu stigmatisieren.

Träger und beteiligte Institutionen sind unter anderem die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) sowie die Unfallkassen der Länder. Sie stellen die Kampagneninhalte über eigene Kanäle bereit und ergänzen sie um branchenspezifische Angebote, etwa für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Rettungsdienste.

Ziele der Initiative

Im Kern verfolgt #GewaltAngehen vier miteinander verzahnte Ziele. Sie richten sich sowohl an das Verhalten einzelner Beschäftigter als auch an die Verhältnisse in den Einrichtungen.

  • Sensibilisierung: Gewalt am Arbeitsplatz sichtbar machen und aus der Tabuzone holen.
  • Prävention: Risiken früh erkennen, deeskalierend handeln und bauliche wie organisatorische Schwachstellen schließen.
  • Nachsorge: Betroffene nach Vorfällen strukturiert unterstützen und psychische Folgen ernst nehmen.
  • Kulturwandel: Meldewege, Führungsverantwortung und ein Klima etablieren, in dem Übergriffe nicht klein geredet werden.

Bemerkenswert ist der Doppelblick der Kampagne. Sie adressiert Gewalt gegen Beschäftigte, ohne die Perspektive der Patientinnen und Patienten auszublenden. Deeskalation, würdevoller Umgang mit Wartenden und klare Kommunikation sind zugleich Schutz für das Personal und Schutz für die Menschen in Behandlung. Beide Seiten profitieren davon, wenn Kliniken das Thema systematisch angehen.

Welche Materialien und Werkzeuge bereitstehen

Die DGUV bündelt unter der Kampagnenmarke unterschiedliche Formate. Sie sollen niedrigschwellig einsetzbar sein, im Teamgespräch, in der Unterweisung, im Aushang oder in der Führungsklausur. Die Materialien sind über die Kampagnenseite der DGUV sowie über die Portale der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen erreichbar.

Zum Kernangebot gehören unter anderem:

  • Poster, Postkarten und Motive für Aushänge in Wartebereichen, Personalräumen und Schleusen.
  • Broschüren und Fachinformationen zu Deeskalation, Meldewegen und Gefährdungsbeurteilung.
  • Handlungshilfen zur psychischen Erstbetreuung nach Übergriffen.
  • Videos, Erklärgrafiken und Social-Media-Kacheln für die interne Kommunikation.
  • Checklisten für Betriebsbegehungen, Risikoanalysen und Nachsorgekonzepte.

Ergänzend bieten die Unfallversicherungsträger Seminare, Beratungen durch Aufsichtspersonen und branchenspezifische Schwerpunkte an. Für Kliniken sind besonders die Angebote der BGW relevant, die seit Jahren eigene Schwerpunkte zu Gewalt und psychischer Belastung im Gesundheitsdienst setzt.

Warum die Kampagne für das Gesundheitswesen wichtig ist

Übergriffe auf Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Rettungsdienstpersonal und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Anmeldung sind in Deutschland gut dokumentiert. BGW und DGUV berichten seit Jahren steigende Aufmerksamkeit für das Thema, viele Kliniken schildern eine spürbare Zunahme verbaler Aggression in Notaufnahmen und Ambulanzen. Genaue Zahlen variieren je nach Erhebungsmethode und Einrichtungstyp, die Richtung ist jedoch konsistent: Gewalt bleibt ein reales Berufsrisiko.

Zugleich zeigen Erfahrungsberichte aus dem Marburger Bund, aus Pflegeverbänden und Fachpublikationen wie dem Deutschen Ärzteblatt, dass viele Vorfälle nicht gemeldet werden. Fehlende Meldewege, Sorge vor Karrierenachteilen und das Gefühl, Übergriffe gehörten dazu, verhindern oft eine strukturierte Nachsorge. Kampagnen wie #GewaltAngehen setzen an dieser Stelle an, indem sie Meldekultur zu einer Führungsaufgabe machen.

Wer Übergriffe schweigend hinnimmt, verlagert die Kosten in die Belegschaft.

Für die Patientinnen und Patienten ist die Prävention ebenso relevant. Wo Personal sich sicher fühlt, entstehen weniger Machtasymmetrien, weniger Fixierungen aus Überlastung und weniger Kommunikationsbrüche. Deeskalation ist damit auch ein Beitrag zur Patientensicherheit, eine Perspektive, die die Kampagne konsequent mitdenkt.

Wie Einrichtungen die Kampagne konkret nutzen

#GewaltAngehen entfaltet Wirkung dort, wo die Materialien nicht nur ausgehängt, sondern in Prozesse eingebettet werden. Das beginnt bei der Gefährdungsbeurteilung nach Arbeitsschutzgesetz und reicht bis zur strukturierten Nachsorge durch geschulte Ansprechpersonen. Sinnvoll ist ein pragmatischer Einstieg, der Vorhandenes prüft und Lücken schließt, statt eines großen Einmalprojekts.

Bewährt haben sich unter anderem folgende Schritte:

  • Bestandsaufnahme: Welche Vorfälle wurden zuletzt dokumentiert, welche nicht?
  • Meldewege klären: Wer nimmt Meldungen an, wer informiert wen, wie schnell?
  • Deeskalationstraining: Für Aufnahme, Notaufnahme, Stationen und Rettungsdienst.
  • Bauliche und organisatorische Maßnahmen: Sichtachsen, Wartezeitenkommunikation, Alarmierung.
  • Nachsorgekonzept: Kollegiale Erstbetreuung, Anbindung an Betriebsärztlichen Dienst und Trauma-Ambulanzen.

Die Kampagnenmaterialien lassen sich in diese Schritte einbetten, ohne bestehende Strukturen zu ersetzen. Sie liefern Sprache, Bilder und Argumente, mit denen Führungskräfte das Thema in Regelkommunikation überführen können, vom Teamgespräch bis zur Sicherheitsbegehung.

Einordnung in eine breitere Präventionslandschaft

#GewaltAngehen steht nicht allein. Landesärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und Pflegeverbände haben eigene Positionen und Handreichungen veröffentlicht. Auch wissenschaftliche Einrichtungen wie das UKE Hamburg und das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) tragen mit Studien und Weiterbildungsangeboten bei. Die DGUV-Kampagne verzahnt sich mit diesen Angeboten und fungiert als bundesweit sichtbares Dach für die betriebliche Prävention.

Wer als Klinik, Praxis oder Rettungsdienst Gewaltprävention systematisch angehen will, findet in #GewaltAngehen einen belastbaren Startpunkt. Die Kampagne liefert keine Wunder, aber Werkzeuge, Sprache und Anschluss an ein Netzwerk. Für die Mission einer Gesundheit ohne Gewalt ist das ein wichtiger Baustein, neben Führungsverantwortung, ausreichender Personalausstattung und dem konsequenten Blick auf die Bedingungen, unter denen Übergriffe entstehen.