Immer mehr Kliniken beauftragen private Sicherheitsdienste, vor allem in Notaufnahmen, psychiatrischen Ambulanzen und auf Aufnahmestationen. Der Grund ist bekannt: Uebergriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen zu, Wartezeiten steigen, Personal fehlt. Doch wo Uniformen auftauchen, verschiebt sich auch die Dynamik. Sicherheitsdienste koennen deeskalieren, oder eine Situation erst zuspitzen. Ein naeherer Blick auf ein Instrument, das zunehmend zum Standard wird.

Warum Kliniken auf externe Sicherheitsdienste setzen

Die Berufsgenossenschaft fuer Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) dokumentiert seit Jahren einen Anstieg gemeldeter Uebergriffe im Gesundheitswesen. Notaufnahmen sind besonders exponiert: hoher Publikumsverkehr, akute Ausnahmezustaende, Wartezeiten, Alkohol, Drogen, psychische Krisen. Fuer viele Kliniken ist der externe Sicherheitsdienst deshalb keine strategische Entscheidung mehr, sondern eine Reaktion auf Personalengpaesse und Vorfallszahlen.

Die Argumente sind nachvollziehbar. Sicherheitskraefte sind praesent, sichtbar, koerperlich belastbar. Sie koennen Zugaenge kontrollieren, aggressive Personen bis zum Eintreffen der Polizei begleiten und Pflegekraefte entlasten. In akuten Situationen ist ihre bloße Anwesenheit oft schon eine Botschaft: Hier wird hingeschaut.

Zugleich ist der Markt heterogen. Zwischen zertifizierten Fachkraeften fuer Schutz und Sicherheit mit Deeskalationsausbildung und schlecht bezahlten Aushilfen ohne medizinisches Grundverstaendnis liegen Welten. Wer nur den Preis vergleicht, kauft in der Regel nicht das, was er im Krisenfall braucht.

Wann Sicherheitsdienste helfen

Gute Sicherheitsdienste sind in klinische Prozesse integriert, nicht daran angeflanscht. Sie kennen Ablaeufe, Personen und Sensibilitaeten. Sie wissen, dass eine Notaufnahme kein Bahnhofsvorplatz ist. Sie schuetzen Personal und Patientinnen und Patienten gleichermassen, auch die im Wartebereich, die nichts mit dem Konflikt zu tun haben.

Kennzeichen wirksamer Sicherheitskonzepte sind unter anderem:

  • Nachweisbare Deeskalationsausbildung ueber das gesetzliche Mindestmass hinaus
  • Grundkenntnisse zu psychischen Erkrankungen, Delir, Intoxikation und Demenz
  • Feste Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, keine wechselnden Fremdgesichter pro Schicht
  • Klare Eskalationsketten mit Pflege, aerztlichem Dienst und Polizei
  • Regelmaessige gemeinsame Trainings mit dem Klinikpersonal
  • Dokumentation jedes Vorfalls, nicht nur der spektakulaeren

Wo das gelebt wird, sinken nicht nur Vorfallszahlen. Auch das Sicherheitsgefuehl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veraendert sich. Pflegekraefte berichten, dass sie eher fruehzeitig um Unterstuetzung bitten, wenn sie wissen, wer kommt und wie diese Person arbeitet. Genau darin liegt der Praeventionsgewinn: nicht in der Muskelmasse am Eingang, sondern in der Verlaesslichkeit im Prozess.

Wann Sicherheitsdienste schaden

Die andere Seite ist unangenehm, aber gehoert dokumentiert. Sicherheitsdienste koennen Konflikte verschaerfen, wenn Auftrag, Ausbildung und Haltung nicht stimmen. Wo Deeskalation als Schwaeche gilt, wo koerperliche Ueberlegenheit demonstrativ eingesetzt wird, wo Sprache abwertend ist, verschiebt sich die Grenze dessen, was in einer Klinik als akzeptabel gilt.

Besonders gefaehrdet sind Menschen, deren Verhalten Symptom ist, nicht Absicht: Patientinnen und Patienten im Delir, in psychotischen Ausnahmezustaenden, mit Demenz, mit Suchterkrankungen, mit Trauma. Wer sie primaer als Sicherheitsrisiko behandelt und nicht als Erkrankte, riskiert Fixierungen, die medizinisch vermeidbar waeren, Verletzungen, die dokumentationspflichtig werden, und Beschwerden, die berechtigt sind.

Auch das Machtgefaelle veraendert sich. Ein uniformierter Mann, der neben einem Behandlungszimmer steht, wirkt anders als eine Pflegekraft. Fuer manche Patientinnen und Patienten ist das entlastend. Fuer andere, mit Fluchterfahrung, mit Polizeikontakten in der Biografie, mit Rassismuserfahrung, ist es das Gegenteil. Wer das ignoriert, produziert Eskalationen, die man dem Sicherheitsdienst spaeter als Erfolg zurechnet, weil er sie “gemeistert” hat.

Ein Sicherheitsdienst ist keine Antwort auf Personalmangel. Er ist Teil eines Konzepts, oder Teil des Problems.

Was ein tragfaehiges Konzept ausmacht

Ob ein Sicherheitsdienst hilft oder schadet, entscheidet sich nicht im Einsatzmoment, sondern lange vorher. In der Ausschreibung. Im Vertrag. In der Einweisung. In der Frage, wer eigentlich verantwortlich ist, wenn etwas schiefgeht.

Kliniken, die den Einsatz externer Sicherheitskraefte ernst nehmen, klaeren mindestens:

  • Welchen konkreten Auftrag hat der Dienst, Zugangskontrolle, Begleitung, Deeskalation, Intervention?
  • Welche Qualifikationen sind vertraglich zugesichert und werden geprueft?
  • Wer entscheidet ueber koerperliche Massnahmen: Sicherheitskraft, Pflege oder aerztlicher Dienst?
  • Wie werden Vorfaelle dokumentiert, ausgewertet und dem Personalrat zugaenglich gemacht?
  • Wie werden Beschwerden von Patientinnen und Patienten und Angehoerigen bearbeitet?
  • Wie ist die Zusammenarbeit mit Polizei und Sozialpsychiatrischem Dienst geregelt?

Wo diese Fragen unbeantwortet bleiben, entstehen graue Zonen. Und graue Zonen sind der Ort, an dem sowohl Uebergriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch Uebergriffe gegen Patientinnen und Patienten unsichtbar werden. Beides gehoert in dieselbe Statistik, in dieselbe Fallbesprechung, in dieselbe Verantwortung.

Sicherheitsdienste sind Symptom, nicht Loesung

Der wachsende Bedarf an externer Sicherheit in Kliniken ist ein Signal. Er zeigt, dass Notaufnahmen und Ambulanzen als Auffangbecken fuer Konflikte funktionieren, die woanders nicht mehr bearbeitet werden: Suchthilfe, Sozialpsychiatrie, Wohnungslosenhilfe, Gewaltschutz. Solange diese Systeme unterfinanziert bleiben, wird die Klinik der Ort sein, an dem sich der Druck entlaedt.

Ein Sicherheitsdienst kann diesen Druck nicht senken. Er kann bestenfalls verhindern, dass er sich in Verletzungen uebersetzt. Prevention beginnt frueher, bei Personalschluesseln, Triage-Strukturen, Rueckzugsraeumen, Deeskalationskompetenz im Kernteam, verlaesslichen Meldewegen und einer Fuehrungskultur, die Vorfaelle nicht klein rechnet.

Die Kampagne #GesundheitOhneGewalt versteht Schutz deshalb doppelt: als Schutz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Uebergriffen und als Schutz von Patientinnen und Patienten vor Entwuerdigung. Sicherheitsdienste koennen zu beidem beitragen, oder zu keinem von beidem. Der Unterschied liegt in der Frage, ob eine Klinik den Vertrag als Ende ihrer Verantwortung versteht oder als Anfang.