Fast jedes Krankenhaus in Deutschland hat inzwischen etwas zum Thema Gewalt. Ein Aushang, eine Fortbildung, einen Absatz im Leitbild. Was viele nicht haben, ist ein Konzept, das trägt, wenn es ernst wird.

Im Fachkrankenhaus Bethanien Hochweitzschen in Mittelsachsen ist im August 2026 ein solches Konzept in Kraft getreten. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, nicht weil dort etwas völlig Neues erfunden wurde, sondern weil sich daran gut zeigen lässt, woran man ein belastbares Schutzkonzept erkennt.

Die drei Säulen

Das Konzept entstand im Rahmen der bundesweiten Initiative „AGA gegen Gewalt“ des Klinikverbunds AGAPLESION, zu dem das Haus gehört. Es ruht auf drei Säulen: Prävention, Intervention, Aufarbeitung. Diese Dreiteilung klingt schlicht, und genau darin liegt ihr Wert. Sie macht sichtbar, an welcher Stelle ein Haus etwas hat und an welcher nicht.

Prävention meint hier eine Pflichtfortbildung, die alle Mitarbeitenden regelmäßig absolvieren müssen. Dazu kommen Regeln für den Umgang untereinander, etwa ein Nähe-Distanz-Konzept, Regeln für den Umgang mit den Menschen, die im Haus versorgt werden, etwa ein Schutzkonzept für vulnerable Patientengruppen, und ein Deeskalationsmanagement mit Ausbildungs- und Trainingsangeboten.

Intervention meint, akute Gewalt sofort zu beenden und Gewaltkreisläufe zu unterbrechen. Dafür wurden Erste-Hilfe-Maßnahmen sowie Beratungs- und Unterstützungsangebote gebündelt, damit Betroffene schnell psychosoziale Hilfe bekommen, und in allen Einrichtungen interne Anlaufstellen eingerichtet.

Aufarbeitung meint die Zeit danach: vor allem die Unterstützung von Betroffenen, aber auch die Rehabilitation zu Unrecht Verdächtigter und im Einzelfall die Wiedereingliederung von Menschen, die zu Tätern geworden sind. Dazu gehören Supervisionsangebote und ein einrichtungsübergreifend tätiges Konfliktschlichterteam. Wie Verstöße sanktioniert werden, regelt das Konzept ebenfalls.

Warum die dritte Säule die entscheidende ist

Wenn Häuser etwas gegen Gewalt tun, fangen sie fast immer mit der ersten Säule an. Eine Fortbildung ist planbar, sie lässt sich budgetieren und in einem Bericht ausweisen.

Die dritte Säule ist die, die am häufigsten fehlt.

Dabei entscheidet sie darüber, ob ein Schutzkonzept im Alltag ankommt. Eine Pflegekraft, die angegriffen wurde und danach die Schicht zu Ende arbeitet, weil ohnehin niemand da ist, lernt daraus etwas über den Stellenwert ihrer Unversehrtheit. Und sie meldet den nächsten Vorfall nicht mehr.

Genau hier entsteht die Dunkelziffer, über die alle sprechen. Nicht weil Beschäftigte nicht wüssten, dass ein Übergriff meldenswert ist, sondern weil eine Meldung ohne Folge nur Papier erzeugt. Ein Meldesystem trägt nur, wenn am anderen Ende etwas passiert.

Worauf sich das stützt

Ein solches Konzept bewegt sich in einem Rahmen, den es bereits gibt.

Die Qualitätsmanagement-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses verpflichtet Krankenhäuser zu Maßnahmen zum Schutz vulnerabler Personengruppen. Die DGUV Vorschrift 1 und vor allem die DGUV Information 207-025 zur Prävention von Gewalt und Aggression gegen Beschäftigte im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege beschreiben sehr konkret, was zu tun ist.

Diese Handlungshilfe ist frei verfügbar. Sie ist der Punkt, an dem ein Haus anfangen kann, ohne ein Beratungsprojekt aufzusetzen.

Was sich übertragen lässt

Hochweitzschen ist eine psychiatrische Fachklinik, und das ist bei der Übertragung mitzudenken. Psychiatrische Häuser haben mit Deeskalation die längste Erfahrung, weil das Thema dort seit jeher zum Fach gehört. In der Somatik, in Notaufnahmen, auf Normalstationen, in der Pflege, kam es später an.

Genau deshalb lohnt der Blick in diese Richtung. Die Systematik ist übertragbar, auch wenn die Ausgangslage eine andere ist.

Zwei Merkmale sind es, an denen sich ein tragfähiges von einem symbolischen Konzept unterscheiden lässt:

Verbindlichkeit statt Angebot. Eine Schulung, die alle betrifft, erreicht auch die, die glauben, sie bräuchten sie nicht. Ein freiwilliges Angebot erreicht die, die ohnehin sensibilisiert sind.

Zuständigkeit statt Zuständigkeitsgefühl. Für jede der drei Säulen muss benannt sein, wer verantwortlich ist. Ein Konzept ohne Namen dahinter ist eine Absichtserklärung.

Was offen bleibt

Zur Redlichkeit gehört, was sich nicht sagen lässt. Wie viele Übergriffe es in Hochweitzschen vor der Einführung gab und wie viele danach, ist nicht öffentlich. Interne Klinikzahlen sind es fast nie.

Das ist kein Vorwurf an dieses Haus, sondern ein strukturelles Problem: Ohne vergleichbare Zahlen lässt sich die Wirksamkeit von Schutzkonzepten kaum belegen. Wir wissen, was fachlich empfohlen wird. Wir wissen selten, was es verändert hat.

Ein Konzept ist deshalb ein Anfang und kein Beweis. Aber ein Anfang, den ein Haus vorweisen kann, ist mehr als die Absicht, irgendwann anzufangen.

Wenn Sie ein solches Konzept aufbauen

Wir sammeln in dieser Kampagne Beispiele aus Häusern, die Gewaltschutz verbindlich geregelt haben, und geben sie weiter, damit andere nicht bei null anfangen müssen. Wenn Sie in Ihrer Einrichtung etwas aufgebaut haben, das funktioniert, oder wenn Sie gerade daran arbeiten und Erfahrungen suchen: Wir freuen uns über den Austausch.

Ansprechpartner für die fachliche Seite gibt es außerdem bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege und bei der zuständigen Unfallkasse. Beide beraten Einrichtungen zu genau diesen Fragen, und beide werden dafür nicht extra bezahlt.

Quellen