Wie sieht Gewaltprävention aus, die wirklich funktioniert? Statt auf Einzelmaßnahmen zu setzen, empfehlen Experten einen strukturierten, mehrstufigen Ansatz, verankert in Führung, Teamkultur und konkreten Abläufen. Die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) hat gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus nordrhein-westfälischen Kliniken einen Praxisleitfaden entwickelt, der zeigt: Gewaltprävention ist machbar, wenn Strukturen, Menschen und Führung zusammenarbeiten.

Warum ein systematischer Ansatz entscheidend ist

Nach Angaben der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) wurden ihr von 2018 bis 2022 jährlich durchschnittlich rund 5.300 Schreck- und Gewaltvorfälle als meldepflichtige Arbeitsunfälle angezeigt, und die Dunkelziffer ist deutlich höher. In einer Befragung von BGW und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fühlten sich Beschäftigte weniger belastet, wenn ihr Betrieb sie gut auf mögliche Übergriffe vorbereitet hatte. Entscheidend ist dabei: Prävention muss auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansetzen.

Die drei Ebenen wirksamer Gewaltprävention

1. Organisatorische Maßnahmen

Die Grundlage bilden strukturelle Rahmenbedingungen: ausreichende Personalstärke, eine kluge Dienstplangestaltung und ein strukturiertes Meldesystem für Vorfälle. Ohne Dokumentation gibt es keine Datenbasis, und ohne Datenbasis keine gezielte Prävention. Einrichtungen sollten zudem eine Steuerungsgruppe einrichten, die das Thema regelmäßig auf die Agenda setzt: Pflegedienstleitung, ärztliche Direktion und Betriebsrat gemeinsam.

2. Personenbezogene Maßnahmen

Regelmäßige Schulungen im Deeskalationsmanagement sind der wirksamste direkte Schutz für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In derselben Befragung aus dem Jahr 2017 hatten nur 41,8 Prozent der befragten Pflege- und Betreuungskräfte an einem Deeskalationstraining teilgenommen, Potenzial nach oben ist also vorhanden. Hinzu kommen Kommunikationstrainings und, nach Vorfällen, strukturierte psychologische Erstbetreuung, damit Erlebnisse nicht unverarbeitet bleiben.

3. Baulich-technische Maßnahmen

Übersichtlich gestaltete Warte- und Empfangsbereiche reduzieren Frustration und Eskalationspotenzial. Rückzugsräume für Personal, sichere Zugangsregelungen und, wo sinnvoll, technische Hilfsmittel wie Alarmknöpfe oder Kamerasysteme ergänzen das Bild. Das gilt besonders für Notaufnahmen, die nach einer Umfrage im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft weit überwiegend von Übergriffen betroffen sind.

Der KGNW-Leitfaden: Praxistipps für Führungskräfte

Die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) hat 2023 eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, mit Vertreterinnen und Vertretern mehrerer NRW-Kliniken, darunter das St. Rochus-Hospital Telgte und das Evangelische Klinikum Bethel, sowie der Landesinitiative „Sicher im Dienst” und der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen. Das Ergebnis: der Leitfaden „Gewalt und Gewaltprävention im Krankenhaus: Handlungsempfehlungen und Praxistipps für Geschäftsführung und Führungskräfte”. Er bündelt Handlungsempfehlungen und Praxistipps und kann wie eine Checkliste für die eigene Einrichtung genutzt werden.

Was wirklich den Unterschied macht

Entscheidend ist nicht die eine Maßnahme, sondern die Kombination: Führung, die das Thema ernst nimmt und sichtbar vorlebt. Teams, die Vorfälle ohne Scham melden können. Strukturen, die Prävention als Dauerprozess verankern, nicht als einmaliges Projekt. Die Befragung von BGW und UKE weist in dieselbe Richtung: Wo Betriebe ihre Beschäftigten gut auf Übergriffe vorbereiten, fühlen sich diese weniger belastet.

Fazit: Ein Rahmen, der auf jede Einrichtung passt

Gewaltprävention ist kein Luxus und kein Sonderprojekt, sie ist Teil guter Personalführung und organisationaler Verantwortung. Die hier vorgestellten Prinzipien gelten unabhängig von Einrichtungsgröße oder Trägerkonstellation. Der erste Schritt: Hinschauen, dokumentieren, und das Gespräch im Team öffnen.

Quellen